Deutsche Tschernobyl-Hilfe konzentriert sich auf Weißrussland

Nachricht 05. April 2006

Hilfe für ein geschundenes Land -
Deutsche Tschernobyl-Hilfe konzentriert sich auf Weißrussland

Von Burkhart Vietzke und Jürgen Prause (epd)

Hannover/Frankfurt a.M. (epd). Sie wuchsen in radioaktiv verseuchten Gebieten auf. Viele von ihnen sind krebskrank oder immungeschädigt, andere kamen mit Missbildungen zur Welt. Die "Kinder von Tschernobyl" litten am meisten unter den Folgen der Reaktorkatastrophe in der Ukraine vor 20 Jahren. Sie gaben daher auch zahlreichen Gruppen und Netzwerken, die sich hier zu Lande für die Strahlenopfer einsetzen, ihren Namen.

Mehr als 500 Initiativen in Deutschland leisten Tschernobyl-Hilfe. Im Zentrum der Unterstützung steht nicht die Ukraine, sondern der nördliche Nachbar Weißrussland. Dorthin blies der Wind nach dem Unglück bis zu 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags und machte weite Gebiete im Süden um die Stadt Gomel unbewohnbar. Fast ein Viertel der Fläche Weißrusslands wurde radioaktiv verstrahlt.

Die frühere Sowjetrepublik ist ohnedies ein geschundenes Land. Im Zweiten Weltkrieg starb fast ein Drittel der Einwohner unter dem Angriff und der Besatzung der Deutschen. Heute sagt Wladimir Skworzow, Botschafter Weißrusslands (Belarus): "Deutschland war und bleibt eines der Länder, das am meisten Verständnis für die Situation von Belarus nach Tschernobyl zeigt."

Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund listet in seinem "Initiativenhandbuch Belarus" mehr als 500 Hilfsorganisationen auf, von Ostfriesland bis Bayern. Sie arbeiten mit einheimischen Partnern zusammen, leisten Austausch und Hilfe, bauen Brücken zwischen den Ländern. Wie viele große und besonders auch kleine Hilfstransporte nach Weißrussland gehen, kann niemand zählen.

Viele der Gruppen, die sich für die Tschernobyl-Geschädigten engagieren, kommen aus dem kirchlichen Bereich. So hätten sich zahlreiche kirchliche Friedensgruppen der Tschernobyl-Hilfe zugewandt, berichtet der Münsteraner Pfarrer Burkhard Homeyer. Er ist Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft "Den Kindern von Tschernobyl", die rund 250 Gruppen vereint. Bei vielen Gruppen habe auch der Gedanke der Versöhnung mit dem ehemaligen Kriegsgegner Sowjetunion eine wichtige Rolle gespielt.

1991 begann die "Arbeitsgemeinschaft Hilfe für Tschernobyl-Kinder" der hannoverschen Landeskirche mit ihrer Kindererholung. Seither haben mehr als 16.000 Kinder je vier Wochen in Gastfamilien aus der Landeskirche verbracht. Bundesweit mögen es inzwischen an die 200.000 Kinder sein, die sich in Deutschland erholen konnten. Andere Initiativen unterstützen Kindererholung im Land selbst, in unverstrahlten Gebieten. Mit westlicher Hilfe entstand "Nadeschda", ein Schul- und Erholungszentrum im Nordosten des Landes. Die Initiative "Heim-Statt Tschernobyl" im westfälischen Bünde hat Häuser für Evakuierte gebaut.

Schilddrüsenkrebs gilt bis heute als anerkannte Folge des Reaktorunglücks, das aber auch Ursache vieler anderen Krankheiten und Schäden ist. Der Göttinger Radiologe Professor Heyo Eckel sieht die Gefahren wachsen: "Sorgen macht mir, dass sich in zehn bis 30 Jahren die Art der Krebserkrankungen wandeln könnte." Schon heute nähmen Krebserkrankungen von Organen und Knochen zu. Eckel ist Vorsitzender der Landesstiftung "Kinder von Tschernobyl", die 1992 in Niedersachsen gegründet wurde. Sie versorgt die Krankenhäuser des Gebiets Gomel mit Ultraschall-Geräten zur Diagnostik.

Auch Burkhard Homeyer ist überzeugt, dass die Unterstützung für die Tschernobyl-Geschädigten noch lange notwendig sein wird. Die Zusammenarbeit westlicher Initiativen mit Gruppen in Weißrussland sei zudem ein wichtiger Faktor, der zur Demokratisierung des autoritär regierten Landes und zum Aufbau einer Zivilgesellschaft beitragen könne. Deshalb seien die Hilfen aus dem Ausland und das Netzwerk von Gruppen dem soeben unter fragwürdigen Umständen wiedergewählten Präsidenten Alexander Lukaschenko ein Dorn im Auge.

"Für Lukaschenko ist das ein Störfaktor ohnegleichen", sagt Homeyer. Die deutschen Tschernobyl-Gruppen bekommen das in ihrer Arbeit zu spüren. So würden Erholungsreisen von Kindern von den weißrussischen Behörden stark behindert und mit Auflagen versehen, berichtet Homeyer. Lukaschenko wolle am liebsten einen "Schlussstrich" unter das Unglück von Tschernobyl und die ausländische Hilfe ziehen, befürchtet der evangelische Pfarrer.
(epd Niedersachsen-Bremen/b0911/05.04.06)
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-> Arbeitsgemeinschaft "Hilfe für Tschernobyl-Kinder" der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers