Nachrichten von der Vollversammlung des ÖRK

Nachricht 24. Februar 2006

VOLLVERSAMMLUNGS - BOTSCHAFT LÄDT KIRCHEN UND WELT ZUM GEMEINSAMEN GEBET FÜR VERWANDLUNG EIN

Die Botschaft der 9. ÖRK-Vollversammlung ist eine Einladung zum Gebet. Bei der Einbringung des Dokuments erklärte Wendy Evans, die Vorsitzende des Botschaftsausschusses, dass dieses weder ein Bericht noch eine erschöpfende Auflistung von Themen der Besorgnis sei, sondern vielmehr "das Herz der Vollversammlung" widerspiegele.

Evans, eine Delegierte der Vereinigten Kirche von Kanada, ist die einzige Ausschussvorsitzende aus der Gruppe der Jugenddelegierten. Der Ausschuss hatte insgesamt drei Entwürfe ins Plenum eingebracht und dabei jeweils weitere Vorschläge für Textänderungen gesammelt. Die endgültige Fassung wurde am Nachmittag des Abschlusstages, am Donnerstag, 23. Februar, im Konsens angenommen.

Nachfolgend der Text der offiziellen Botschaft:

„In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt“
Botschaft der 9. vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen:
Eine Einladung zum Gebet

Schwestern und Brüder, wir grüßen Euch in Christus. Als Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen aus allen Teilen der Welt sind wir hier in Porto Alegre, Brasilien, versammelt, im ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends und zur ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Lateinamerika. Wir sind eingeladen, hier teilzunehmen am festa da vida, am Fest des Lebens. Wir beten, denken über die Heilige Schrift nach, setzen uns auseinander, freuen uns miteinander – in Einheit und Vielfalt und bemühen uns darum, im Geist des Konsens aufmerksam aufeinander zu hören.

Hier und heute, im Februar 2006, hören wir von den Teilnehmenden der Vollversammlung, dass in ihren Heimatländern und regionen täglich neu Schreie laut werden – die Schreie der Opfer von Katastrophen, gewaltsamen Konflikten, Unterdrückung und Leid. Gleichzeitig schenkt uns Gott jedoch die Kraft und Vollmacht, die Verwandlung im persönlichen Leben, in Kirchen, Gesellschaften und der Welt insgesamt zu bezeugen.

Die Berichte und Entscheidungen der Vollversammlung übermitteln den Kirchen und der Welt konkrete Anfragen und Aufforderungen, zu handeln. Zu nennen sind hier die Suche nach der christlichen Einheit, der Aufruf zur Neuverpflichtung in der Mitte der Dekade zur Überwindung von Gewalt (2001-2010), das Erkennen der prophetischen und programmatischen Mittel, um wirtschaftliche Gerechtigkeit weltweit zu erreichen, der interreligiöse Dialog, die umfassende Beteiligung aller Frauen und Männern aller Generationen sowie gemeinsame Erklärungen zu öffentlichen Angelegenheiten, die sich an die Kirchen und die Welt richten.

Thema dieser Neunten Vollversammlung ist ein Gebet, „In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.“ Im Gebet werden unsere Herzen verwandelt und so legen wir unsere Botschaft als ein Gebet vor:

Gott der Gnade,
im gemeinsamen Gebet wenden wir uns dir zu, denn du bist es, der uns eint:
du bist der eine Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, an den wir glauben,
du allein gibst uns die Fähigkeit, Gutes zu tun,
im Namen Christi sendest du uns über den gesamten Erdkreis aus in Mission und Dienst.

Wir bekennen vor dir und vor allen Menschen:
Wir sind unwürdige Diener.
Wir misshandeln und missbrauchen die Schöpfung.
Wir verletzen einander durch die überall bestehenden Spaltungen.
Wir unterlassen es häufig, entschlossen gegen Umweltzerstörung, Armut, Rassismus, Kastentum, Krieg und Völkermord vorzugehen.
Wir sind nicht nur Opfer von Gewalt, sondern auch Täter.
So sind wir unzureichend gewesen als Jünger Jesu Christi, der in seiner Menschwerdung gekommen ist, uns zu retten und uns das Lieben zu lehren.
Vergib uns, Gott, und lehre uns, einander zu vergeben.

In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Gott, höre das Schreien der ganzen Schöpfung,
die Schreie des Wassers, der Luft, der Erde und alles Lebendigen,
die Schreie der Ausgebeuteten, der Ausgegrenzten, der Missbrauchten und der Opfer,
die Schreie derer, die enteignet und zum Verstummen gebracht wurden, deren Menschsein missachtet wurde,
die Schreie derer, die unter Krankheit leiden, unter Krieg
und unter den Verbrechen der Hochmütigen, die der Wahrheit zu entrinnen suchen,
die die Erinnerung verdrehen und die Möglichkeit der Versöhnung leugnen.
Gott, leite alle, die an Machtpositionen stehen, zu ethisch verantwortlichen Entscheidungen.

In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Wir danken dir für deinen Segen und die Zeichen der Hoffnung, die schon jetzt in der Welt gegenwärtig sind:
in Menschen aller Altersgruppen und in denen, die uns im Glauben vorangegangen sind;
in Bewegungen, die sich für die Überwindung von Gewalt in all ihren Ausdrucksformen einsetzen, nicht nur für ein Jahrzehnt, sondern für immer;
in dem tiefen und offenen Dialog, der in unseren Kirchen und mit Menschen anderen Glaubens eingesetzt hat in dem Bemühen, einander zu verstehen und zu respektieren;
in all jenen, die sich gemeinsam – in außergewöhnlichen Situationen oder im Alltag – für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen.
Wir danken dir für die gute Nachricht Jesu Christi und die Zusicherung der Auferstehung.

In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Gott, durch die Macht deines Heiligen Geistes, der uns leitet,
lass‘ unsere Gebete niemals leere Worte sein,
sondern eine tief empfundene Antwort auf dein lebendiges Wort
im gewaltfreien und zielgerichteten Handeln für positive Veränderungen,
in mutigen, eindeutigen, konkreten Taten der Solidarität, der Befreiung, der Heilung und des Mitgefühls,
wenn wir bereitwillig die gute Nachricht Jesu Christi teilen.
Öffne unsere Herzen für die Liebe und die Erkenntnis, dass alle Menschen nach deinem Bild
geschaffen sind,
für die Bewahrung der Schöpfung und die Bejahung des Lebens in all seiner wunderbaren Vielfalt.

Verwandle uns, so dass wir uns in deinen Dienst stellen als Partnerinnen und Partner in der Verwandlung,
die nach der vollen, sichtbaren Einheit der einen Kirche Jesu Christi streben,
die allen und allem die Nächsten sind,
während wir in tiefer Sehnsucht die volle Offenbarung deiner Herrschaft
in einem neuen Himmel und einer neuen Erde erwarten.

In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt. Im Namen des Vaters, des Sohn und des Heiligen Geistes; Amen.
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ÖRK WARNT VOR AUSHÖHLUNG DER MENSCHENRECHTE IM KAMPF GEGEN DEN TERROR

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat vor der Aushöhlung fundamentaler internationaler Gesetze und Menschenrechtsstandards im Rahmen der Terrorbekämpfung gewarnt. "In jüngster Zeit haben Terrorakte und manche Aspekte des sogenannten Krieges gegen den Terror neue Dimensionen der Gewalt hervorgerufen," heißt es in der Erklärung zu 'Terrorismus, Terrorbekämpfung und Menschenrechte', die am Donnerstag, 23. Februar, in Porto Alegre von der 9. ÖRK-Vollversammlung beschlossen wurde.

Die Vertreter von 348 christlichen Kirchen weltweit erklärten, "dass Terror, als wahllose politisch oder religiös begründete Gewalttaten gegen unbewaffnete Zivilisten, niemals rechtlich, theologisch oder ethisch rechtfertigt werden kann." Nationale und internationale Instrumente der Rechtsprechung sollten gestärkt werden, heißt es in der Erklärung. Die internationale Gemeinschaft sollte in der Abwehr des Terrorismus zusammen arbeiten, insbesondere durch Stärkung des Internationalen Gerichtshofes.

Im Blick auf die gewalttätigen Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen äußerte die Vollversammlung ihr Bedauern über die Veröffentlichung dieser Karikaturen. Die ÖRK- Mitgliedskirchen wurden aufgerufen, Foren für den interreligiösen Dialog zu gründen. Es sei entscheidend, den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen zu verstärken. Die Veröffentlichungen der Karikaturen habe weltweit Kontroversen ausgelöst, die Weiterverbreitung der Zeichnungen habe die Spannungen noch weiter verstärkt.

"Wir schließen uns auch den Stimmen vieler muslimischer Führer an, die die gewalttätigen Reaktionen auf diese Veröffentlichungen bedauern", heißt es in einer Erklärung zu 'Gegenseitigem Respekt, Verantwortung und Dialog mit Menschen anderer Religionen', die ebenfalls am 23. Februar angenommen wurde. Redefreiheit sei ein grundlegendes Menschenrecht, das garantiert und geschützt werden müsse. Es sei aber zugleich Recht und Verantwortung. Auf Missbrauch der Redefreiheit könne mit gewaltfreien Mitteln wie Kritik und klarer Ablehnung reagiert werden.

Der ÖRK erklärte, dass der gegenwärtige Konflikt nicht nur religiöse Aspekte habe. "Die Spannungen in unserer Welt bestehen nicht zwischen Religionen und Glaubensüberzeugungen, sondern zwischen agressiven, intoleranten und manipulativen säkularen oder religiösen Ideologien." Diese Ideologien würden missbraucht zur Legitimierung von Gewalt und politscher Vorherrschaft. "Die Opfer dieser Art von Kontroversen sind religiöse Minderheiten, die im Kontext einer anderen Mehrheitskultur leben."

Zum Abschluss seiner 9. Vollversammlung verabschiedeten die Delegierten der ÖRK-Mitgliedskirchen außerdem Erklärungen zu Lateinamerika, zum Schutzpflicht für gefährdete Bevölkerungsgruppen und zur Reform der Vereinten Nationen. Bereits am Vortag wurden Erklärungen zum Recht auf Wasser und zur nuklearen Abrüstung verabschiedet.
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VOLLVERSAMMLUNG BESCHLIEßT AM ZIEL DER EINHEIT WEITERZUARBEITEN

Wenn es gelänge, innerhalb der nächsten zehn Jahre eine gemeinsame, weltweite christliche Versammlung zu organisieren, wäre das ein "revolutionärer Schritt", so der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Pfarrer Samuel Kobia, zum Ende der 9. ÖRK-Vollversammlung in Porto Alegre.

Die Delegierten machten sich am letzten Tag ihrer Vollversammlung das Ziel zu eigen, Vorbereitungen für eine gemeinsame Vollversammlung des ÖRK und der konfessionellen Weltbünde wie Lutherischem Weltbund (LWB) und Reformiertem Weltbund zu beginnen.

Durch die Annahme des Berichtes des Weisungsausschusses für Grundsatzfragen beauftragte die Vollversammlung den neuen Zentralausschuss mit Weichenstellungen auf die aktuellen Entwicklungen in der Ökumene einzugehen. So wurde die Gemeinsame Arbeitsgruppe der römisch-katholischen Kirche und des ÖRK gebeten, in Zusammenarbeit mit der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung konkrete Schritte hin zu einem gemeinsamen Termin des Osterfestes, zur wechselseitigen Anerkennung der Taufe und zur Fortsetzung der theologischen Arbeit an den noch bestehenden Differenzen zu unternehmen.

Die Mitgliedskirchen und die ökumenischen Partner wurden aufgerufen, den ÖRK in seiner Rolle als Impulsgeber im Neugestaltungsprozess der weltweiten Ökumene zu unterstützen. Die Vollversammlung bekräftigte die zentrale Bedeutung des Dokumentes
"Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis und einer gemeinsamen Vision des Ökumenischen Rates der Kirchen", das die Beziehungen der Mitgliedskirchen des ÖRK zueinander und zu anderen ökumenischen Partnern in grundlegender Weise formuliere.

Die Vollversammlung forderte den neuen Zentralausschuss auf, "ein repräsentatives Gremium von jungen Erwachsenen einzusetzen, das die Rollen junger, mit dem ÖRK verbundener Erwachsener koordinieren und die Kommunikation zwischen ihnen fördern soll." Während der Vollversammlung hatten die Jugenddelegierten immer wieder auf das im Vorfeld formulierte Ziel hingewiesen, die Beteiligungsmöglichkeiten junger Erwachsener an den Entscheidungsprozessen des ÖRK zu verbessern.

Ebenfalls im Konsensverfahren wurde der Ekklesiologie-Text "Berufen, die eine Kirche zu sein" von der Vollversammlung angenommen. Darin werden die Mitgliedskirchen eingeladen, ihre Verpflichtung zur Suche nach Einheit zu erneuern und ihren Dialog zu vertiefen. Die Mitgliedskirchen werden aufgefordert, bis zur nächsten Vollversammlung zu zehn Fragen am Schluss des Textes Stellung zu nehmen, die auf pointierte Weise die wiederkehrenden Themen wie Abendmahl, Formen der Spiritualität und Solidarität unter den Kirchen aufnehmen, die auf der ständigen Tagesordnung der Kirchen stehen sollten.
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Webseite der Vollversammlung: www.wcc-assembly.info