Nachrichten von der Vollversammlung des ÖRK (akt. 22.2.)

Nachricht 22. Februar 2006

CHRISTINNEN UND CHRISTEN BERICHTEN VON GOTTES VERWANDELNDER GNADE
In sehr persönlicher Weise berichteten Vertreterinnen und Vertreter verschiedener christlicher Kirchen auf der 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), was das Motto "In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt" für sie bedeutet. "Wir haben heute lauter wunderbare Geschichten von Verwandlung gehört", fasste die baptistische Pastorin Angélique Walker-Smith aus den USA das von ihr moderierte Plenum zusammen. In Form einer Talkshow ermutigte sie die sechs Frauen und einen Mann, das Plenum an ihren Erfahrungen mit Gottes verwandelnder Gnade teilhaben zu lassen.

Nüchtern erzählt die Bolivianerin Gracia Violeta Ross Quiroga ihre Geschichte. Auf dem Heimweg von einer Party wird sie von zwei Männern vergewaltigt. "Ich konnte nicht glauben, was mir passierte - mein Zuhause war doch ganz nah." Gott habe doch die Pflicht, sie zu beschützen, war die Pastorentochter überzeugt. "Nach diesem Erlebnis war ich sicher, dass mir niemals etwas noch Schlimmeres passieren könnte." Nach einem Insektenbiss im März 2000 ließ sie sich auf Malaria untersuchen. Dabei wurde festgestellt, dass sie HIV-positiv ist. "In dieser grauenhaften Zeit nach der Diagnose habe ich gemerkt, dass Gott der einzige ist, der mir helfen kann." Heute ist Gracia eine Aktivistin in ihrer Kirche, sie reist zu Konferenzen weltweit, um über HIV und Aids zu sprechen. "Für mich ist es nicht mehr wichtig zu wissen, wie lange ich noch leben werden," sagt sie. "Denn ich weiß, wenn ich sterbe, werde ich in Ewigkeit bei meinem Himmlichen Vater sein."

Sarah Newland-Martin hat 1980 an den Paralympics teilgenommen. Die heutige Generalsekretärin des YMCA in Kingston/Jamaica wurde mit deformierten Beinen geboren und von ihren Eltern verlassen. Sie wuchs in Kinderheimen auf. "Ich fühlte mich abgelehnt, allein und unerwünscht," berichtet sie von dieser Zeit. Dann nahmen sich zwei Ärzte ihrer Beine an. "Die Verwandlung kam, als ich erst mit einem Holzbein und dann mit richtigen Prothesen laufen konnte." Sie ging zur Schule und begann "zu fühlen, dass ich tatsächlich wie jeder andere war, dass ich ein Kind Gottes bin." Als sie 24 Jahre alt war, traf sie ihre Eltern und erfuhr, dass sie noch sechs Brüder hat. "Als ich Christin wurde, hat mich Jesus verwandelt. Ich konnte meinen Eltern vergeben." Für solche Verwandlungen sei die Kirche unerlässlich. Kein Mensch könne verwandelt werden, wenn die Kirche ihn nicht willkommen heiße. "Eine Kirche, die Menschen mit Behinderungen nicht willkommen heißt, ist eine behinderte Kirche."

Mit der Frage, wie Kirchen verwandelt werden können, beschäftigte sich die koreanische Theologieprofessorin Dr. Namsoon Kang. Es gebe immer mehr Kirchen mit einem religiösen 'Peter-Pan-Syndrome', so Dr. Kang. Sie wollten nicht 'erwachsen' werden und lehnten es ab, Verantwortung für Gerechtigkeit, Frieden und sozialen Ausgleich zu übernehmen. Dr. Kang forderte Christen auf, mehr Fragen zu stellen. "Das Fragezeichen, warum etwas so ist und nicht anders ist der Anfang der Verwandlung von Kirchen." Es klinge sehr schön, wenn alle gemeinsam singen 'Wir sind eins in Christus'. Es müssten aber auch die ernsthaften Fragen nach der Entwicklung der Ökumene gestellt werden. "Nur gemeinsam zu singen und Erklärungen abzugeben, beweist noch nicht unsere Einheit", so Frau Dr. Kang. "Wir dürfen uns nicht mir einer billigen Ökumene zufrieden geben."
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INFORMATION IST WICHTIGER BESTANDTEIL IM KAMPF GEGEN DIE KRANKHEIT
"Wir müssen den Kirchen helfen, kompetent mit Aids umzugehen", forderte Dr. Sue Parry, Afrika-Koordinatorin der Ökumenischen HIV/Aids-Initiative (EHAIA), am Rande der 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), am Dienstag, 21. Februar, in Porto Alegre. HIV und Aids sollten Schwerpunkte der Arbeit des ÖRK sein und in Themenbereichen wie Gerechtigkeit, Armut, Verhältnis der Geschlechter und Wirtschaft berücksichtigt werden. Die Vollversammlung dürfe die Gelegenheit nicht versäumen, größere Aufmerksamkeit auf HIV und Aids zu lenken. "Das gesellschaftliche Gefüge bricht auseinander", so Dr. Parry in Bezug auf ihre Erfahrungen im südlichen Afrika. "Wir versagen, wenn wir dieses Thema nicht mit der größten Dringlichkeit behandeln."

Ihre ernste Sorge gelte aber auch Europa. Durch den Erfolg der sogenannten antiviralen Medikamente seien die Menschen nachlässig geworden. Dr. Parry sieht- die steigenden Ansteckungraten in Europa mit großer Beunruhigung. Die Koordinatorin des UNAIDS-Programmes in Brasilien, Renu Chahil-Graf, betonte die Bedeutung der Kirchen in der Auseinandersetzung mit der Krankheit. "Ich bin hier auf der ÖRK-Vollversammlung, weil ich glaube, dass die Kirchen und andere religiösen Gemeinschaften einen entscheidenden Beitrag leisten können im Kampf gegen Aids."

Die Bolivianerin Gracia Violeta Ross Quiroga würdigte den Einsatz afrikanischer Kirchen im Kampf gegen HIV und Aids. "Davon können wir in Bolivien noch viel lernen." Noch gebe es in ihrer Kirche kaum die Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. "Ich bin ständig auf der Jagd nach Finanzmitteln", sagte Frau Ross Quiroga

Pastor Gideon Byamugisha, Mitbegründer des Afrikanischen Netzwerkes religiöser Führer, die von HIV/Aids betroffen sind (ANERELA), erklärte, sein Leben mit dem Virus beweise, dass HIV vermeidbar sei. Er habe geheiratet und habe inzwischen zwei Kinder, ohne das Virus an seine Familie weiterzugeben. Die Kirche sei früher eher ein Stolperstein im Kampf gegen HIV/Aids gewesen. "Jetzt sind wir in eine Phase aktiver Verantwortung eingetreten." Die Bereitschaft des ÖRK, ANERELA dabei zu unterstützen, sei ein lebendiges Zeugnis dieser neuen Phase. Das von ihm mitgegründete Hilfswerk wolle Kirchen und Kirchenführern helfen, sich mit dem Thema HIV und Aids auseinander zu setzen. "Kirchenführer brauchen keine Kritik, wenn sie sich unzureichend mit dem Thema beschäftigten," so Byamugisha. "Sie brauchen bessere Informationen." Er erlebe immer wieder zwei Reaktionen auf seine Berichte: "Von der Seite haben wir das ja noch gar nicht gesehen. Und: Warum sind Sie nicht schon früher zu uns gekommen."

Der zweite Gründer des ANERELA-Hilfswerkes, Pfarrer Jape Heath, bestätigte: "Die Lösung für viele Vorurteile ist mehr Information." HIV-Infizierte und Aids-Kranke in Afrika seien dreierlei Ausgrenzung ausgesetzt: der Scham vor sich selbst, der Ausgrenzung durch die Gesellschaft und der Ausgrenzung aus religiösen Gründen. "Sehr lange wurde die Botschaft verbreitet, dass die Betroffenen selbst schuld sein müssen. Sie müssten Sünder sein, sonst hätten sie die Krankheit nicht bekommen." Stattdessen sei es wichtig, die Trennung zwischen 'ihnen' und 'uns' aufzubrechen. "Wir müssen fragen: Wie können wir zusammen arbeiten?"
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Desmond Tutu: Wir versuchen, Gott Grenzen zu setzen

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) habe erheblichen Anteil an seinem Friedensnobelpreis gehabt, erklärte Erzbischof Desmond Tutu am Montag, 20. Februar, vor der ÖRK-Vollversammlung. "Ihr alle habt uns die Glaubwürdigkeit gegeben", rief Tutu den Delegierten der ÖRK-Mitgliedskirchen zu, "und deshalb teile ich, teilen wir den Friedensnobelpreis mit Euch." Der ÖRK habe maßgeblich zur Überwindung der Apartheit in Südafrika und zum Kampf gegen Rassismus beigetragen.

Tutu ermutigte in einer Plenarsitzung zur 'Einheit der Kirchen' die Delegierten, das bereits Erreichte zu würdigen. "Wir haben das Augenmerk der Welt darauf gelenkt, dass Krieg und Armut unhaltbare Greuel sind." Der ÖRK sei außerdem eines der wichtigsten Foren für interreligiösen Dialog. "Aber wir versuchen nach wie vor, Gott Grenzen zu setzen", gab Tutu zu bedenken. "Wir nehmen die Tatsache nicht ernst, dass Gott der Gott aller Menschen ist." Gott umfasse mit seiner Liebe alle Menschen, sogar George Bush, Osama bin Laden und Saddam Hussein.

Die Leiterin der deutschen Delegation in Porto Alegre, die hannoversche Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann, hob vor Journalisten den Beitrag des ÖRK bei der Vermittlung von globalen Themen hervor. "Der ÖRK fordert z.B. die Kirchen des Nordens heraus, den Schrei der Armen immer und immer wieder zu Gehör zu bringen." Aus der Erfahrung einer lutherischen Kirche sei sie zwar noch nicht ganz vom Konsensmodell überzeugt. "Der Kampf gegen die Apartheid war z.B. sehr umstritten, manchen war er zu politisch", erinnerte sie. Aber trotz abweichender Stimmen sei es möglich gewesen, effektiv zu handeln. Sie hoffe, dass die Dekade zur Überwindung von Gewalt helfen könne, die Stimmen der Kirchen zu vereinigen.

Im Plenum zur 'Einheit der Kirchen' - dem "zentralen Thema der ökumenischen Bewegung seit ihrem Anfang", wie der ÖRK-Präsident aus Europa, der württembergische Alt-Bischof Eberhard Renz, zur Einführung betonte - ging es um die Diskussion eines neuen ÖRK-Dokuments zum Kirchenverständnis: "Berufen, die eine Kirche zu sein". Diese Ekklesiologie-Erklärung fasst zusammen, welche Aussagen über das "Kirche sein" die ÖRK-Mitgliedskirchen zur Zeit gemeinsam machen können, und will die offene und weiterführende Aussprache zwischen den Kirchen fördern.

Dr. Jacob Kurien, stellvertretender Rektor des Orthodoxen Seminars Kottayam in Kerala, Indien brachte in seiner Reaktion auf die ÖRK-Erklärung die Besorgnis über eine 'ökumenische Stagnation' zum Ausdruck. Er fragte nach der Ernsthaftigkeit des Engagements der Kirchen. Demgegenüber seien viele, vor allem jüngere Menschen auf der Suche nach "alternativen Wegen christlicher Einheit" auf nationaler und lokaler Ebene. Ein solcher "neuer ökumenischer Freiraum" könne das vorgeschlagene 'Globale Christliche Forum' sein.
Dr. Isabel Apawa Phiri, Professorin für Afrikanische Theologie an der Universität von KwaZulu Natal in Pietmaritzburg, Südafrika, betonte aus protestantischer Sicht drei Bereiche, in denen die christliche Einheit vertieft werden müsse: Die gegenseitige Anerkennung ordinierter Geistlicher bei Abendmahlsfeiern, unabhängig von Rasse, Geschlecht, Alter und sexueller Orientierung, einen ökumenischen Trauungs-Ritus, durch den interkonfessionelle Eheschließungen als Chance statt als Bedrohung behandelt werden können, und eine stärkere ökumenische Ausrichtung der theologischen Ausbildung.

Der Dominikaner Jorge A. Scampini aus Argentinien betonte das Interesse der römisch-katholischen Kirche am ÖRK, vor allem bei der Diskussion theologischer Themen, insbesondere der Studien der Kommission für Glaube und Kirchenverfassung zum Kirchenverständnis (Ekklesiologie), Taufe und 'theologischer Anthropologie'.
Der Gründer der Internationalen Fakultät für Theologische Studien in Argentinien und internationaler Vizedirektor des Lausanner Kommittees für Weltevangelisation, Pfarrer Norberto Saracco, sprach im Plenum für die Pfingstkirchen. Er führte die Schwächung der konfessionellen Strukturen weltweit an und fragte: "Warum können wir nicht auf die Millionen von Christen hören, die unsere Spaltungen schlicht und einfach nicht verstehen."

Er rief die Kirchen zu wechselseitigem Respekt auf. "Einheit ist schwer, wenn wir als Sekten, wenn die Pfingstkirchen als Bedrohung betrachtet werden", sagte er. Es dürfe keine Wortspiele mehr geben, die über die fehlende gegenseitige Anerkennung als Kirchen hinweg zu täuschen versuche. Saracco schloss mit dem Vorschlag: "Vielleicht sollten wir dem Heiligen Geist eine Chance geben? Die Einheit der Kirche wird als Werk des Geistes geschehen, oder gar nicht."
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ÖRK BEKRÄFTIGT POSITION ZU NUKLEARWAFFEN

Die rund 700 Delegierten der 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) haben ihren Einsatz für die Beseitung von Atomwaffen bekräftigt. In einem Text, der am Montag, 20. Februar in Porto Alegre/Brasilien verabschiedet wurde, beklagt die Vollversammlung, dass Atomkräfte wie Frankreich entgegen einem Entschluss aus dem Jahr 2000 derzeit neue Begründungen für den Erhalt ihrer Atomwaffenarsenale suchten. Dies könne andere Staaten darin bestärken, selbst nach Atomwaffen zu streben. "Trotz des Atomwaffensperrvertrages werden im Augenblick Nuklearwaffen verbreitet."

Die ÖRK-Vollversammlung erinnerte an ihre Position, dass die fünf Atommächte China, Frankreich, Russland, Großbritannien und die USA sich verpflichten müssen, ihre Nuklearwaffen niemals als erste einzusetzen, ihren Gebrauch nicht anzudrohen und die Waffen von den Territorien von Nicht-Atommächten zu entfernen. Wenn immer mehr Staaten versuchten, Nuklearwaffen zu erlangen, wachse die Gefahr, dass solche Waffen in die Hände von Terroristen fallen. Der ÖRK forderte seine Mitgliedskirchen auf, bei den eigenen Regierungen auf die vollständige Vernichtung von Nuklearwaffen entsprechend des Atomwaffensperrvertrages hinzuwirken. Zugleich sollten die Kirchen auf ein größeres öffentliches Bewusstsein für die Gefahr von Kernwaffen hinwirken.

In einer weiteren, am Montag verabschiedeten Erklärung ruft der ÖRK seine Mitgliedskirchen und ökumenischen Partner auf, sich für den Schutz weltweiter Wasserresourcen einzusetzen. Es gelte, rechtliche Instrumente und Mechanismen zu entwickeln, die das Recht auf Wasser als grundlegendes Menschenrecht auf lokaler, nationaler, regionaler und internationaler Ebene garantierten. Der ÖRK spricht sich in der Erklärung für eine Stärkung des Ökumenischen Wasser Netzwerkes aus (Ecumenical Water Network) und für Inititativen, die die lokale Bevölkerung befähigt, verantwortlich mit vorhandenen Wasservorräten umzugehen. Regierungen und internationale Hilfsorganisationen sollten sich vorrangig um Programme bemühen, die den Zugang zu Wasser und die Entwicklung angemessener Sanitärsysteme ermöglichten. Die Kirchen und ihre ökumenischen Partner werden gebeten, Konflikte und Vereinbarungen mit Bezug zu Wasservorräten zu beobachten.


Webseite der Vollversammlung: www.wcc-assembly.info