Nachrichten aus Porto Alegre

Nachricht 14. Februar 2006

VERTRAUT AUF DIE KRAFT EURER EIGENEN STIMME
von Annegreth Strümpfel (*)

Rund 250 junge Menschen haben auf einer Jugendkonferenz vom 11.-13. Februar 2006 die 9. Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre vorbereitet. "Lasst uns unsere Chance ergreifen", sagt Iyabo Ozekola, eine Jugenddelegierte aus Nigeria.

Die Kapelle der Katholischen Päpstlichen Universität ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Lachen, Stimmengewirr, Blitzlichtgewitter. Eine Gruppe junger Brasilianer und Brasilianerinnen beendet den Soundcheck, dann geht es los. Rund 150 junge Menschen singen zur Eröffnung der Jugendkonferenz vor der 9. ÖRK-Vollversammlung das Motto der Versammlung, auf Portugiesisch, auf Englisch und auf Deutsch: In deiner Gnade, Gott verwandle die Welt.

Das Mosaik, das die Wand hinter dem Altar schmückt, erscheint wie ein Spiegel des Gottesdienstraums und seiner Gäste. Aus allen Teilen der Welt sind junge Menschen zusammen gekommen, Jugendliche und junge Erwachsene unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe, Größe, und mit unterschiedlichen Erwartungen und Hoffnungen an die kommenden zwei Wochen internationaler ökumenischer Begegnung. In der Mitte der Kapelle wird ein großes weißes Tuch mit dem farbenfrohen Logo der Vollversammlung ausgebreitet, auf dem alle, die zum Eröffnungsgottesdienst der Jugendkonferenz gekommen sind, symbolisch unterschreiben können als Kinder Gottes, die die Welt verändern wollen. "Ich muss zulassen, dass Gott mich verändert, dann werde ich helfen können, die Welt zu verändern", schreibt ein junger Kolumbianer.

Aus Deutschland sind sechs Jugenddelegierte nach Porto Alegre gekommen, die sich aktiv an Vorbereitungskonferenz und Vollversammlung beteiligen. Bei ihren Vorbereitungstreffen in Deutschland haben sie sich gefragt, wie das Aufeinandertreffen und die persönliche Begegnung auf der Vollversammlung nach außen transportiert werden können. "Wir leben in einem multimedialen Kontext und haben vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten. Es kommt darauf an, basisnähere Formen zu entwickeln und die Netzwerkfunktionen zwischen den Kirchen zu stärken", sagt Christina Biere, die in Heidelberg Theologie studiert. Über ein Online-Tagebuch (www.evangelische-jugend.de) sollen Jugendliche in Deutschland über die Aktivitäten auf der Vollversammlung informiert werden. "Junge Menschen müssen sich überlegen, in welchen Diskursformen sie ihr Anliegen in den Kirchen einbringen", fordert Christina.

Zwei freischaffende Journalisten begleiten die jungen deutschen Delegierten auf der Vollversammlung mit der Kamera. Sie dokumentieren ihre Gespräche innerhalb der regelmäßig stattfindenden thematischen Gruppen und filmen die persönliche Begegnung von jungen Menschen aus allen Teilen der Welt. Die deutsche Jugenddelegation hat sich in der Vorbereitung auf die Vollversammlung dafür entschieden, zum Thema "Jugend und Gewalt" dieses Filmprojekt zu initiieren. "Uns interessiert, wie junge Menschen in unterschiedlichen Kontexten von Gewalt betroffen sind, und welche Strategien sie entwickeln, um diesem Thema zu begegnen. Wir hoffen, dass der Film dazu beitragen wird, die Notwendigkeit des ökumenischen Dialogs näher an die Basis zu bringen", unterstreicht Christina.

"Ich glaube fest daran, dass wir Jugendlichen in der Lage sind etwas zu tun, das Veränderung bewirkt", sagt Iyabo Ozekola, eine junge Frau, die als Jugenddelegierte der Church of the Lord (Aladura) Worldwide aus Nigeria an der Vollversammlung teilnimmt. Die Vorbereitungskonferenz ist ihrer Meinung nach notwendig, damit "wir als Jugend unsere Rolle besser verstehen lernen, die wir in unseren Kirchen spielen." Und sie fügt hinzu: "Es ist ein großes Privileg für mich, dass meine Kirche mich ausgewählt hat, um sie auf der ÖRK-Vollversammlung zu repräsentieren. Nun habe ich dafür Sorge zu tragen, diese Chance auch zu nutzen." Iyabo studiert Jura und arbeitet zusätzlich als Koordinatorin für die nationale Jugendbewegung in Nigeria. Von der Vollversammlung erhofft sich Iyabo, dass klare Entscheidungen für die Zukunft der ökumenischen Bewegung getroffen werden. "Wir haben einen Punkt erreicht, an dem es nicht ausreicht, unsere Lage zu analysieren. Wir müssen konkret werden." Und sie möchte die anderen jungen Teilnehmenden ermutigen, der eigenen Stimme zu vertrauen. "Menschen wie der ÖRK-Generalsekretär Samuel Kobia glauben an uns. Das macht mir Hoffnung und gibt mir einen Auftrag."

Die 9. ÖRK-Vollversammlung soll zur jüngsten Vollversammlung in der Geschichte des ÖRK werden. 15 Prozent aller Teilnehmenden sind junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. In der Vorbereitungskonferenz kommen ca. 80 Jugenddelegierte und 150 freiwillige Helfer (Stewards) zusammen, um gemeinsam über die Rolle von jungen Menschen in der ökumenischen Bewegung nachzudenken und zu diskutieren. Außerdem treffen mehrere hundert lateinamerikanische Jugendliche in einem Camp zusammen, das parallel zur Vollversammlung stattfinden wird.

Mit kleinen blitzlichtartigen Theaterdarbietungen und Transparenten wollen die Teilnehmenden ihrer Stimme auf der Vollversammlung fortwährend Gehör verschaffen. Im Gegensatz zu anderen Vorbereitungskonferenzen wird es keine schriftliche Botschaft an die Vollversammlung geben.

Tyler Hanger, der aus den Vereinigten Staaten angereist ist, um in der Vollversammlung als Steward zu arbeiten, sagt zusammenfassend: "Ich fühle schon jetzt, wie sehr Gott durch uns arbeitet. Wir sind alle hierher berufen worden. Diese Chance, die Gott uns jungen Menschen gegeben hat, müssen wir nutzen."

(*) Annegreth Strümpfel studiert Ev. Theologie und Lateinamerikanistik an der Freien Universität Berlin und ist auf der Vollversammlung des ÖRK kooptierte Mitarbeiterin im Presseteam.

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DIE KIRCHEN BRAUCHEN DIE IDEEN UND DEN MUT DER FRAUEN

Vom 11. bis 13. Februar trafen sich Frauen aus aller Welt im brasilianischen Porto Alegre, um sich gemeinsam auf die 9. ÖRK-Vollversammlung vorzubereiten. „Die Ideen und das Engagement von Frauen verändern unsere Sicht auf die Welt“, erklärte der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Dr. Samuel Kobia, am Samstag, 11. Februar, in seinem Grußwort bei der Tagung. Kobia dankte den Frauen für ihren Einsatz. „Die Kirchen brauchen ihre Ideen und ihren Mut.“

Unter Bezug auf das Thema der Vollversammlung, „In deiner Gnade, Gott, verwandele die Welt“, wies Samuel Kobia darauf hin, dass die Veränderung der Frauenrolle in der Gesellschaft eine der größten Verwandlungen des letzten Jahrhunderts sei. „Manche sagen, der Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen ist vorbei. Aber es gibt noch viel zu tun.“ Der Generalsekretär erinnerte daran, wie wenig Frauen es nach wie vor in leitenden Positionen in der Wirtschaft gebe. Aber auch in den Kirchen gebe es noch Reformbedarf: „Die Rolle der Männer in der Kirche und in der Gesellschaft muss sich ändern.“ Bevor das nicht erreicht sei, könne nicht von wirklichem Fortschritt gesprochen werden. Frauen hätten häufig einen besonderen Ansatz im Umgang mit aktuellen Problemen. So achteten sie in wirtschaftlichen Fragen stärker auf Gerechtigkeit und den Schutz der Umwelt. Mit diesem Ansatz sorgten Frauen für veränderte Perspektiven.

Auf dem Programm der Vorbereitungstagung stand neben der Begegnung mit dem Generalsekretär die Auseinandersetzung mit dem neuen Abstimmungsverfahren, dem Konsensmodell, sowie ein Rückblick auf die Frauenarbeit des ÖRK seit der letzten Vollversammlung in Harare 1998 und eine Beschäftigung mit dem Thema der Vollversammlung.

Dr. Esther Mombo, Dekanin am St. Paul’s United Theological College in Limuru/Kenia, berichtete von der mangelnden Sicherheit für Frauen ihres Landes im alltäglichen Leben und von der Bedrohung durch HIV/Aids. Die Menschen sehnten sich nach vertrauenswürdigen Verantwortungsträgern in der Gesellschaft. Einige christliche Gemeinschaften lockten die Menschen mit der Verheißung von umgehender Besserung, wenn sie sich nur der vermeintlich richtigen Gemeinschaft anschlössen. „Wir müssen uns dagegen wenden“, erklärte Frau Mombo. „Das Evangelium darf nicht als Opium des Volkes missbraucht werden.“ In vieler Hinsicht bliebe den Menschen ihrer Gesellschaft nur das Gebet: „In deiner Gnade, Gott, verwandele die Welt“.

Die brasilianische Methodistin Margarida Ribeiro forderte von den Zuhörerinnen eigenes Engagement. „Wir brauchen die Kooperation mit Gott“, rief sie ins Plenum. „Wir müssen ihn bitten: hilf uns, diese Welt zu verwandeln.“ Dazu müssten zunächst die Ziele klar benannt werden. Am Beispiel des ökumenischen Symbols des Segelbootes erläutere Frau Ribeiro: „Selbst wenn es windig ist, hilft das nichts, wenn man nicht weiß, wohin es gehen soll.“

Webseite der Vollversammlung: www.wcc-assembly.info