Dietrich Bonhoeffer - "Eine Leitfigur für uns alle"

Nachricht 02. Februar 2006

"Eine Leitfigur für uns alle" - Vor 100 Jahren wurde der evangelische Pfarrer und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer geboren

Von Michael Grau (epd)

Hannover (epd). Über dem Hauptportal der Westminster-Abtei in London steht er als Statue in Stein gemeißelt: Zehn Märtyrer des 20.
Jahrhunderts sind hier verewigt, und der von den Nazis ermordete Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) ist der einzige Deutsche unter ihnen. "Eine Leitfigur für uns alle" nannte ihn der deutsche Botschafter in London. US-Präsident George W. Bush hält ihn für "einen der größten Deutschen". Vor 100 Jahren, am 4. Februar 1906, wurde Bonhoeffer in Breslau geboren.

Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hinein gewirkt wie er. Straßen und Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser tragen seinen Namen. Ein Kino-Film erzählt seine Geschichte. Sein leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein Märtyrertod finden weltweit Beachtung. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, nennt ihn ein Vorbild im Glauben und in diesem Sinne einen "evangelischen Heiligen".

Bonhoeffer wuchs als Sohn eines Psychiatrie-Professors mit sieben Geschwistern im Westen Berlins auf. Ungewöhnlich schnell kommt er an der Berliner Universität voran. Mit 21 Jahren ist er promoviert, mit 24 habilitiert, mit 25 Universitätslehrer. Sein Schüler Wolf-Dieter Zimmermann, heute 94 Jahre alt, schildert ihn als intellektuellen Charakter: "Er hatte eine klare und präzise Art, sich auszudrücken." Seine großbürgerliche Herkunft prägte ihn tief: "Er hat sich nur mit wenigen geduzt."

Der Theologe wirkte kräftig und energiegeladen: "Jeden von uns hat er im Tischtennis geschlagen." Bei starker Anspannung rauchte er viele Zigaretten. Während eines Studienjahres in New York erlebt er hautnah die Rassentrennung, als ein schwarzer Freund und er in getrennten Straßenbahnwagen fahren müssen. Orientiert an der biblischen Bergpredigt, die ihn stark anspricht, macht er sich Anfang der 30er Jahre pazifistische Ideen zu eigen.

In den Nazis sieht er eine Gefahr für Deutschland. Bereits zwei Tage nach Hitlers Machtübernahme 1933 warnt er in einer Rundfunk-Rede davor, dass der "Führer" zum "Verführer" werden könne. Im April 1933 erwägt er unter dem Eindruck der beginnenden Judenverfolgung die Möglichkeit, "nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen". Doch nur wenige folgen ihm in dieser Einschätzung.

Zermürbt von den Auseinandersetzungen in Deutschland geht Bonhoeffer als Auslandspfarrer nach London. 1935 kehrt er zurück und übernimmt ein Predigerseminar der "Bekennenden Kirche" in Pommern. Durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi, den Vater des späteren Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi, erfährt er 1938 von Hitlers Kriegsplänen und zugleich von Plänen für einen Staatsstreich, die am 20. Juli 1944 schließlich umgesetzt wurden.

1939 reist Bonhoeffer zu Vorträgen in die USA, wo ihm Freunde eine Lehrtätigkeit vermitteln wollen. Doch schon bald kehrt er zurück: "Ich muss diese schwierige Periode unserer Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben." Für Bonhoeffer beginnt nun ein riskantes Doppelleben: 1940 lässt er sich vom deutschen militärischen Geheimdienst anwerben, wo sein Schwager und andere insgeheim für den Widerstand arbeiten. Offiziell ist er nun Agent der Spionage-Abwehr. Tatsächlich aber weiht er im Ausland kirchliche Vertrauensleute in die Putschpläne gegen Hitler ein.

Mitten in den Kriegswirren verlobt sich Bonhoeffer Anfang 1943 mit der 18-jährigen Maria von Wedemeyer. Doch schon am 5. April wird er verhaftet. Seine Braut kann ihn nur in großen Abständen im Gefängnis besuchen. In seiner Zelle in Berlin-Tegel schreibt Bonhoeffer jene Briefe an seine Familie und an einen Freund, die später unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" berühmt wurden.

Als das Attentat des 20. Juli 1944 scheitert, wird das ganze Ausmaß der Verschwörung deutlich, in die Bonhoeffer, sein Bruder Klaus und sein Schwager von Dohnanyi verstrickt sind. Im April 1945, alliierte Truppen rücken schon heran, bringen die Nazis den Pastor ins Konzentrationslager Flossenbürg bei Regensburg. Ein Standgericht fällt am 9. April 1945 das Urteil: Tod wegen Hochverrats. Bonhoeffer kann noch kurz beten. Dann legt er seine Kleider ab und steigt zum Galgen hinauf. Der Lagerarzt notiert später: "Nie habe ich einen Mann so gottergeben sterben sehen."
(epd Niedersachsen-Bremen/b0198/25.01.06)
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