Kasper und Käßmann beklagen Ernüchterung in der Ökumene

Nachricht 24. Januar 2006

Rom/Hannover (epd). Der Präsident des Päpstlichen Einheitsrats, Kardinal Walter Kasper, und die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann haben eine wachsende Ernüchterung in der Ökumene beklagt. Der Aufbruchsstimmung bei der 1999 in Augsburg von der römisch-katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund (LWB) unterzeichneten "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" seien Zeichen der Abgrenzung gefolgt, sagten sie bei der Eröffnung der ersten Etappe der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung am Dienstag in Rom.

Das eigentliche Dilemma und Problem der ökumenischen Situation bestehe darin, "dass wir uns nicht mehr darüber einig sind, was Ökumene ist und was ihr Ziel ist", sagte Kasper vor den 150 Teilnehmern der vom Rat der katholischen europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) organisierten Veranstaltung. Die bestehende Situation berge die Gefahr, "dass man in verschiedene, vielleicht sogar in gegensätzliche Richtungen läuft und am Ende weiter auseinander ist als am Anfang".

Mit dem weitgehend übereinstimmenden Begriff von Einheit sowohl in der katholischen und der orthodoxen Kirchen seien evangelische Vorstellungen von Ökumene als gegenseitige Anerkennung der bestehenden Kirchenstrukturen nicht vereinbar. Dennoch könne nicht die Rede von "ökumenischer Eiszeit" sein. Nur Dialogpartner mit einem klaren eigenen Profil könnten auch die Position ihres Gegenübers schätzen. "Im Gegenteil, zwischen zwei Nebelschwaden gibt es keine Begegnung, sie verschwimmen ineinander."

Die Christen seien nicht nur für die Einheit Europas sondern auch für die Spaltung des Kontinents verantwortlich. Daher sei es ihre gemeinsame Aufgabe, zur Überwindung des "gegenwärtigen Euro-Frusts" beizutragen, betonte Kasper. "Heute sind wir als Christen ökumenisch gemeinsam für Europa und für eine europäische Friedensordnung herausgefordert."

Die hannoversche Landesbischöfin Käßmann wertete bei der Eröffnung der ersten Phase der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung Abgrenzungstendenzen der Kirchen als Hindernis für den Dialog. Sie verwies auf das im Jahr nach der Gemeinsamen Erklärung veröffentlichte Dokument "Dominus Iesus" der vatikanischen Glaubenskongregation unter dem damaligen Vorsitz von Kardinal Joseph Ratzinger, das Lutheraner zum Beispiel nicht als Kirchen anerkennt.

Auch die russisch-orthodoxe Kirche spreche anderen christlichen Gemeinschaften den Kirchenstatus ab. Solche der "Selbstvergewisserung"
dienenden Abgrenzungstendenzen beeinträchtigten die Glaubwürdigkeit der Kirchen, warnte Käßmann.

Die Repräsentantin der mit rund drei Millionen Mitgliedern größten deutschen evangelischen Landeskirche äußerte Verständnis dafür, dass aus katholischer Sicht auf Grund theologischer Differenzen kein gemeinsames Abendmahl mit Lutheranern möglich ist. Sie werde nicht an einer Eucharistiefeier teilnehmen, zu der sie nicht eingeladen sei. "Aber ich bitte auch darum, mich nicht zu einem Gottesdienst einzuladen, bei dem ich an zentraler Stelle wieder ausgeladen bin."

Als weiteres Hindernis für die Ökumene in Europa bezeichnete die Bischöfin die anhaltende Krise des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), dem die katholische Kirche nicht angehört. Dort vermehrten sich in den vergangenen Jahren zunehmend Spannungen zwischen orthodoxen und anderen Mitgliedern der rund 400 Millionen Christen in mehr als 340 Kirchen umfassenden Gemeinschaft.

Die Versammlung in Rom dauert bis Freitag. Die eigentliche Dritte Europäische Ökumenische Versammlung ist im September 2007 im rumänischen Hermannstadt (Sibiu).
(epd Niedersachsen-Bremen/b0191/24.01.06)
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-> Vortrag von Landesbischöfin Margot Käßmann im Wortlaut