Neujahrsempfang der hannoverschen Landeskirche

Nachricht 06. Januar 2006

Loccum (epd). Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat an die Unternehmer appelliert, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen. "Man kann überzählig gewordene Mitarbeiter nicht einfach in die Arbeitslosigkeit und damit in die überforderten Sozialsysteme entlassen und gleichzeitig die Politik auffordern, sie solle endlich reformieren, deregulieren, entbürokratisieren und Steuern und Abgaben senken", sagte er am Freitag beim Neujahrsempfang der hannoverschen Landeskirche im Kloster Loccum: "Das ist die Quadratur des Kreises."

Die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann kritisierte in ihrer Rede ein wachsendes Klima des Misstrauens in der Gesellschaft. Zu dem traditionellen Empfang in dem 1163 gegründeten Kloster waren rund 120 geladene Gäste aus Politik, Kirche, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Verwaltung gekommen, unter ihnen auch mehrere Landesminister.

Wulff sagte, Unternehmer trügen auch Verantwortung für den sozialen Zusammenhalt und die Stabilität der freiheitlichen Ordnung, auf die Arbeitnehmer, Wirtschaft und Gesellschaft angewiesen seien: "Das kann man nicht der Politik alleine überlassen."

Die Bundespolitik stehe heute vor der Aufgabe, das Land "globalisierungsfest" zu machen, führte er aus. Zugleich kritisierte er den Reifenhersteller "Continental" aus Hannover, der angekündigt hatte, trotz einer Betriebsvereinbarung mit den Arbeitnehmern sein Werk in Hannover schließen zu wollen. Auch wenn globaler Druck auf den Unternehmen laste, müssten Betriebsvereinbarungen beiden Seiten Verlässlichkeit bieten, sagte der Ministerpräsident: "Sie sind mehr als eine beliebige Manövriermasse."

Bischöfin Käßmann warb bei dem Empfang für ein Klima des Vertrauens in der Gesellschaft. Im vergangenen Jahr sei viel Vertrauen verspielt worden: "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vertrauen nicht mehr darauf, dass die Firmenleitungen alles tun, werden, um Arbeitsplätze zu erhalten." Politikern werde generell Misstrauen entgegengebracht, Fußball-Schiedsrichter hätten betrogen, Klonforscher hätten Studien gefälscht. Misstrauen aber zersetze eine Gemeinschaft, dies werde an Diktaturen deutlich.

Vertrauen könne entstehen, wenn es ein gemeinsames Regelwerk gebe, an das sich alle hielten, sagte Käßmann: "Freiheit meint nicht Regellosigkeit." Fehler dürften dabei nicht vertuscht, sondern müssten eingestanden werden. Wo sich jeder selbst der nächste sei, gingen Regeln verloren und werde Gemeinsinn zerstört. Einen festen Vertrauensgrund gebe das Vertrauen auf Gott, das zu mutigem Handeln führe. Die Bischöfin appellierte an die Medien, mehr über glaubwürdige Vorbilder zu berichten.
(epd Niedersachsen-Bremen/b0030/06.01.06)
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Extra: Der Neujahrsempfang im Kloster Loccum
Loccum/Kr. Nienburg (epd). Das Kloster Loccum, gelegen rund 50 Kilometer westlich von Hannover zwischen Weser und Steinhuder Meer, ist traditionell der Schauplatz des Epiphanias-Empfangs der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers am 6. Januar. Eingeladen sind rund 120 Gäste aus Politik, Kirche, Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Verwaltung. Loccum gilt als geistiges und geistliches Zentrum der Landeskirche, die vom Harz bis zur Nordsee reicht. Seit 1952 befindet sich in direkter Nachbarschaft des Klosters die Evangelische Akademie Loccum.

1950 lud der frühere Landesbischof Hanns Lilje (1899-1977) nach seiner Wahl zum Loccumer Abt erstmals führende Männer aus Politik, Wirtschaft und Kultur zu einem "Empfang zwischen den Jahren" am 28. Dezember ins Kloster ein. Lilje bezeichnete sie als "Notabeln" - so wurden die durch Bildung, Rang und Vermögen ausgezeichneten Mitglieder der königlichen Ratsversammlungen in Frankreich einst genannt.

Seit Liljes Tod 1977 findet der Empfang jedes Jahr am 6. Januar statt, dem Epiphaniastag, der zugleich Liljes Todestag ist. Die Gäste treffen sich unter den gotischen Säulen im klösterlichen Refektorium, dem ehemaligen Speisesaal der Mönche. Auf der Gästeliste zu stehen, gilt noch immer als Auszeichnung.

Das Kloster wurde 1163 von Zisterzienser-Mönchen gegründet. Es wurde um 1600 evangelisch und gehört bis heute offiziell zu dem in Rom ansässigen Zisterzienser-Orden. Mit Kirche, Kreuzgang, Konventsgebäude, Scheunen, Abtshaus und mittelalterlichen Teichen gilt es nach dem Kloster Maulbronn bei Tübingen als die am besten erhaltene mittelalterliche Klosteranlage in Deutschland. Seit etwa 200 Jahren werden hier angehende Pastorinnen und Pastoren ausgebildet.
(epd Niedersachsen-Bremen/b0033/06.01.06)
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