Zur Taufe schwebt ein Engel herab: Taufengel in Nord- und Ostdeutschland

Nachricht 05. Januar 2006

Zur Taufe schwebt ein Engel herab -
Taufengel in Nord- und Ostdeutschland erst beliebt, dann verboten

Von Michael Grau (epd)

Hildesheim (epd). Wenn in Breinum bei Hildesheim ein Kind getauft wird, ist stets ein Engel im Einsatz. In zwei Metern Höhe hängt er als hölzerne Figur an einem Seil von der Kirchendecke herunter. Und wer sich ein wenig reckt, kann ihn auf Hüfthöhe herabziehen. In einer muschelförmigen Schale reicht der Engel dann das Taufwasser. Mehr als 500 solcher "Taufengel" finden sich heute noch in norddeutschen Kirchen - und nur dort, schätzt der Heimatforscher Axel Kronenberg aus Lamspringe bei Hildesheim: "Das ist eine typisch protestantische Besonderheit."

Der 282 Jahre alte und 1,05 Meter große Engel von Breinum ist einer der wenigen, die ununterbrochen ihren Dienst getan haben. Denn die Figuren, die in der Zeit des Barock zwischen 1680 und 1780 entstanden, haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Als nach 1800 die aufgeklärte protestantische Nüchternheit einsetzte, kamen sie bald aus der Mode. In der braunschweigischen Landeskirche wurden sie 1846 sogar ausdrücklich verboten. "Sie wurden verkauft, versteckt, vergessen oder verbrannt", erzählt Kronenberg. Viele landeten in staubigen Ecken auf dem Dachboden.

Trotzdem sind in Niedersachsen genau 99 Taufengel erhalten. Das hat Kronenberg bei Recherchen für ein Buch herausgefunden, das 2006 erscheinen soll. Schwerpunkte sind das Wendland und die Dörfer südlich von Hildesheim: "Hier hatte früher fast jedes Dorf seinen Taufengel." In Schleswig-Holstein und Hamburg gibt es noch 71 Exemplare, in Thüringen 61. In Sachsen-Anhalt sollen es sogar rund 200 sein, davon allein 50 in der Altmark. Im Magdeburger Dom sind von August bis November 2006 bei einer großen Ausstellung rund 25 Figuren zu sehen, die extra dafür restauriert wurden.

Die von heimischen Meistern aus Eichen- oder Lindenholz geschnitzten Figuren wurden populär, weil es in lutherischen Dorfkirchen nach dem Dreißigjährigen Krieg häufig zu eng war. "Damals strömten die Menschen in die Kirchen", sagt Kronenberg. So schaffte man vielerorts die Platz raubenden Taufsteine ab. Adelige Stifter ließen stattdessen Taufengel vom Himmel schweben: "Die Menschen wollten den Geist Gottes sichtbar machen."

Manche Taufengel sind wie in Breinum auf einer Seilrolle aufgehängt und werden von einem Gegengewicht über der Decke ausbalanciert. Andere können mit einer Kurbel heruntergelassen werden. In einigen Kirchen wurde der Seilzug später mit einer elektronischen Fernbedienung ausgestattet, so dass der Pastor den Engel heute per Knopfdruck herabschweben lassen kann.

Seit etwa 20 Jahren erleben Engel eine Renaissance, erzählt Kronenberg. Und so holen viele Gemeinden die Taufengel wieder hervor: "Sie haben entdeckt, was für einen Schatz sie daran haben." Viele Figuren wurden restauriert. Einige sind jedoch so beschädigt, dass nur noch jede Dritte von ihnen in Gebrauch ist.

Kronenberg selbst wurde auf die Taufengel aufmerksam, als er bei Recherchen für eine Festschrift auf dem Kirchendach eines Nachbardorfes auf einen vergessenen und verstaubten Engelsflügel stieß. "Der Rest wurde 1951 verbrannt." Inzwischen ist der Flügel wieder hergerichtet. Er steht heute eingerahmt im Kirchenschiff.

(epd Niedersachsen-Bremen/b0010/05.01.06)
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