Zwischen "wahrem Christentum" und "ketzerischer -Schwärmerei"

Nachricht 27. Dezember 2005

Zwischen "wahrem Christentum" und "ketzerischer -Schwärmerei"
Johann Arndt, ein Wegbereiter des Pietismus, wurde vor 450 Jahren geboren

Von Hans-Dieter Frauer (epd)

Stuttgart/Braunschweig (epd). Johann Arndt (1555-1621) war seiner Zeit voraus. In der Hoch-Zeit der lutherischen Orthodoxie mit ihren erbitterten, unfruchtbaren dogmatischen Lehrstreitigkeiten und ihrer erstarrten Rechtgläubigkeit drängte er auf die Verinnerlichung des religiösen Lebens und ein vom persönlichen Glauben her geprägtes Leben.
Mit seinen Predigten und Schriften hat der Bestsellerautor des 17. Jahrhunderts dem eine Generation später entstandenen Pietismus den Weg bereitet. Sein Geburtstag jährt sich am 27. Dezember zum 450. Mal.

Arndts Bücher "Vom wahren Christentum" sind die ersten lutherischen Andachtsbücher überhaupt und mit die bekanntesten Werke der Erbauungsliteratur. Sie haben über Raum und Zeit gewirkt, sie wurden in mehrere Sprachen übersetzt und sie werden bis heute gelesen. Über das Studium dieser Schriften ist etwa das württembergische Erfindergenie Philipp Matthäus Hahn (1739-1790) zum Pietisten geworden.

Die Bücher entstanden ein Menschenalter nach der Reformation. In einer Zeit, in der das Luthertum in steile, theologische Dogmen verstrickt erschien, fanden sie rasch weite Verbreitung. Sie trugen ihrem Verfasser aber auch hässliche Anfeindungen seiner Pfarrkollegen ein, die aus ihnen "ketzerische Schwärmerei" heraus lasen und darauf entsprechend reagierten. So musste Arndt mehrfach wegen Anfeindungen die Pfarrstelle wechseln. "Ich hätte nimmer gemeint, dass unter den Theologen so giftige, böse Leute wären", hat er in einem Brief dazu geschrieben.

Der Pfarrersohn aus Edderitz am Harz studierte anfangs Medizin und Naturwissenschaften, gelobte dann aber in schwerer Krankheit, "sich dem Herrn und seiner Kirche zu weihen", falls Gott ihn wieder genesen lasse. Ab 1576 war er auf den Universitäten in Helmstedt, Wittenberg, Straßburg und Basel. Als Gemeindepfarrer - erst in Badeborn/Harz, später in Quedlinburg und Braunschweig - bewährte er sich in extremen Situationen wie Pestzeiten und Bürgerkriegen als Seelsorger.

Ab 1605 erschienen seine Hauptwerke, die "Vier Bücher vom wahren Christentum" und das "Paradiesgärtlein voller christlicher Tugenden, wie solche zur Übung des wahren Christentums durch andächtige, lehrhafte und trostreiche Gebete in die Seele zu pflanzen". Darin sind Einflüsse der Mystik verarbeitet, etwa von Thomas von Kempen und von Johannes Tauler. Die Bücher wurden weithin dankbar aufgenommen, sie waren weit verbreitete Bestseller, sie ernteten freudige Zustimmung in weiten Kreisen, aber auch Widerspruch und schroffe Ablehnung - vor allem bei Theologen.

Arndt, der 1608 als Generalsuperintendent in Celle starb, war geprägt vom Studium bei äußerst streitbaren und entschiedenen Lutheranern. Noch auf dem Totenbett erklärte er, dass er "in der reinen evangelischen Lehre, die er sein Leben lang wider alle Feinde und Widersacher verteidigt habe, getreulich sterben wolle". Dabei hat er aber als einer der Ersten die erstarrte lutherische Orthodoxie schon am Vorabend des 30-jährigen Krieges überwunden. Heute wird er zu den wichtigsten nachreformatorischen Theologen gerechnet, dem vielfältige geistliche Impulse zu danken seien.
(epd Niedersachsen-Bremen/b4027/22.12.05)
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