Wie Neujahrsvorsätze zur Chance werden können

Nachricht 27. Dezember 2005

Den inneren Schweinehund zähmen - Wie Neujahrsvorsätze zur Chance werden können

Von Michael Grau (epd)

Hannover (epd). Stefan Arend hat sich für 2006 ein klares Ziel gesetzt. "Ich will dünner werden", sagt der 44-jährige Fotograf aus Hannover. Seine neue Hose hat er schon eine Nummer kleiner gekauft: "Da muss ich jetzt reinwachsen." Wie er nehmen Millionen Menschen das neue Jahr zum Anlass, um lieb gewonnene, aber nachteilige Gewohnheiten umzustellen. Die Aussichten dafür stehen nicht schlecht, sagt der Zeitmanagement-Unternehmer Jörg Knoblauch aus Giengen bei Ulm: "Neujahrsvorsätze sind eine tolle Chance, das eigene Verhalten nachhaltig zu ändern und endlich Ziele zu erreichen, von denen man bislang nur geträumt hat."

Etwa 13 Prozent der Neujahrsvorsätze führen tatsächlich zum Ziel, sagt Knoblauch unter Berufung auf amerikanische Studien. "Ihr großer Vorteil ist der konkrete Starttermin." Deswegen sollten Veränderungswillige schon am 1. Januar mit der Umsetzung beginnen, rät er. Wer Erfolg haben wolle, müsse den Vorsatz auf jeden Fall aufschreiben: "Wer seine Vorsätze nur in Gedanken fasst, muss wissen, dass der nächste Gedanke den Vorsatz schon wieder wegwischt." Deshalb gehen laut Knoblauch 87 Prozent aller Neujahrsvorsätze schief.

Diese Erfahrung kennt auch Stefan Arend: "Bisher hielten meine Vorsätze nur bis Mitte Februar. Dann geht es schon schwer auf Karneval zu. Und dann ist alles ganz schnell wieder wie vorher." Sein Wunsch, ein paar Kilo abzunehmen, gehört zu den klassischen Neujahrsvorsätzen. Andere Zeitgenossen wollen mit dem Rauchen aufhören, mehr Sport treiben oder ihre Finanzen besser in den Griff bekommen. Eine 36-jährige Ärztin aus Hannover will künftig "regelmäßig zum Zahnarzt gehen", ein 48-jähriger Lehrer hat sich vorgenommen, morgens früher aufzustehen.

Für die Diplom-Psychologin Ulrike Dienstbach vom Evangelischen Beratungszentrum Hannover ist entscheidend, dass der Wunsch nach Veränderung wirklich ernsthaft ist. Sich bei der Silvesterparty zwischen zwei Gläsern Sekt einen Neujahrsvorsatz zu überlegen, reiche nicht aus. "Wer etwas verändern will, muss aktiv werden und eine Strategie entwickeln." Hilfreich sei es, den Wunsch vor anderen auszusprechen. "Wer das tut, ist schon ein Stück aus den eingefahrenen Mustern heraus.
Wer dagegen alles mit sich selbst ausmacht, läuft Gefahr, sich ganz schnell wieder herauszumogeln."

In diesem Fall ist der "innere Schweinehund" am Werk, sagt der preisgekrönte Persönlichkeitstrainer und Buchautor Marco von Münchhausen aus München. Der innere Schweinehund hat es sich im Bauch gemütlich gemacht, und was der Kopf sagt, ist ihm egal: "Er ist der Wächter des Wohlgefühls." Folglich müssen Kopf und Herz den inneren Schweinehund zähmen, wenn sie Gewohnheiten verändern wollen. Dies kann gelingen, wenn Veränderungswillige sich den Anfang so leicht wie möglich machen: "Wenn ich sechs bis acht Wochen durchhalte, hat sich der Körper an Neues gewöhnt."

Münchhausen rät zu wenigen überschaubaren und realistischen Zielen, die allmählich gesteigert werden können. Wer fit werden will, solle nicht mit Zehn-Kilometer-Läufen anfangen, sondern erst fünf, dann zehn, dann 15 Minuten laufen. Irgendwann mache der Körper die Erfahrung, dass Sport ein Wohlgefühl erzeugen könne. "Dann kommt der innere Schweinehund schwanzwedelnd an und sagt: Lass uns laufen!" Sich selbst Verbote aufzuerlegen, führe dagegen überhaupt nicht weiter: "Dann habe ich den bissigsten Köter, den man sich vorstellen kann."

Die Vorsätze sollten nicht zu vage, sondern möglichst konkret und messbar gefasst sein, empfiehlt der Jurist, Psychologe und Kommunikationswirt. Also nicht: "Ich will mich mehr um meine Kinder kümmern", sondern: "Ich will meinem Sohn jeden Tag 20 Minuten lang vorlesen." Wichtig sei auch, die Vorsätze positiv zu formulieren: "In dem Moment, in dem ich negativ sage: Ich will keine Schokolade mehr essen, erzeugt mein Körper ein Bild von Schokolade und bekommt Lust, sie zu essen." Besser also: "Ich will Honig essen."

Und wenn man nach einer Woche doch wieder der Schokolade erlegen ist? "Betrachten Sie es als Ausrutscher, aber geben Sie auf keinen Fall auf", rät Zeitplan-Unternehmer Jörg Knoblauch. Er selbst hat für das neue Jahr auch schon einen Vorsatz gefasst: "Die Balance zwischen Familie und Beruf ist mein Thema. Die Abende und Nächte im Büro - das muss aufhören."

Literaturhinweis: Marco von Münchhausen: "So zähmen sie ihren inneren Schweinehund!", Campus Verlag, Frankfurt am Main 2002; Marco von Münchhausen/Michael Despeghel: "Abnehmen mit dem inneren Schweinehund", Gräfe und Unzer, München 2005.
(epd Niedersachsen-Bremen/b4028/22.12.05)
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