„Früher gab´s Eier und Mettwurst für den Pastor“

Nachricht 06. Dezember 2005

Die Renaissance der Patronate in der Landeskirche Hannovers

Ihre Loge in der Kirche haben sie noch. „Jedes Jahr an Weihnachten sitzen wir in unserer Prieche“, erzählt Nadja von Grone, Patronin der Kirchengemeinde Kirchbrak. Die Familie Hartung-von Grone übt eines von 131 Patronaten in der Landeskirche Hannover aus.

Die meisten Patronatsverhältnisse sind durch eine Stiftung adliger Grundherrn an die Kirche begründet. Die Vorfahren Nadja von Grones statteten unter anderem die gesamte Kirche aus – daraus leiteten sich bis in die jüngste Zeit Rechte und Pflichten der Adligen gegenüber der Kirchengemeinde ab. Nach 1945 wurde ihre Familie wie viele Patronatsinhaber von der Pflicht regelmäßiger Abgaben befreit, sagt Nadja von Grone: „Früher gab´s noch Eier und Mettwurst für den Pastor, heute sind wir ein lastenfreies Patronat.“

Wesentliche Patronatsrechte bestehen dafür nach wie vor: Nadja von Grone ist wie alle Patrone und Patroninnen geborenes Mitglied im Kirchenvorstand. Auch nach der Kirchenvorstandswahl im März 2006 will die ehemalige Synodalin der Landeskirche Hannovers wieder dabei sein: „Ich sehe das Patronat als eine große Verantwortung gegenüber der Kirchengemeinde“.

Neben einem Sitz im Kirchenvorstand steht den Patronen und Patroninnen in der Landeskirche Hannovers ein Vorschlagsrecht bei der Neubesetzung des Pfarramtes zu. Im Einvernehmen mit dem Kirchenvorstand wird dann ein Kandidat oder eine Kandidatin ausgewählt.

Die klassische Vorstellung vom ergrauten Gutsbesitzer als Patron entspricht nur zum Teil der Realität – auch Städte, Kommunen oder die Klosterkammer üben Patronatsrechte und –pflichten aus. Dabei kann das Patronat an eine bestimmte Person, an Grundbesitz oder an eine Körperschaft gebunden sein.

Die Anfänge des Patronatswesens reichen bis ins Mittelalter zurück. Ursprünglich war es dazu gedacht, Ansprüche von Laien auf Ämter und Besitz der Kirche zu regeln und einzudämmen. Gleichzeitig begründete es mit einem Rechte- und Pflichtenkanon für Patrone ein neues Laienamt in der Kirche. Ferner drückte das Patronat die Dankbarkeit eines Kirchwesens gegenüber einem großzügigen Stifter aus. Nach der Reformation blieb das Patronatswesen erhalten und bildete unter anderem eine Grundlage für das landesherrliche Kirchenregiment in den protestantischen Gebieten.

Von der Reparatur des Kirchendachs bis zum Kirchenkaffee im Schloßpark – die Patrone und Patroninnen engagieren sich auf vielerlei Art und Weise in den Kirchengemeinden. Auch wenn die Zeiten der Pflichtabgaben für viele Patronate vorbei sind.

Andreas Pasewark, Pastor der Patronatsgemeinde Kirchbrak spricht von einer „segensreichen Wirkung“ des Patronats in seiner Gemeinde: „Die Patrone nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Die Verbindung zur Kirche gehört zu ihrer Lebensphilosophie. Sie repräsentieren die Gemeinde, unterstützen unsere Arbeit finanziell und sind auf Festen anwesend.“ Das Beziehungsnetzwerk der Patronatsfamilie komme der Kirchengemeinde zugute, meint Pasewark schmunzelnd: „Vieles geht dadurch auf einem kurzen Dienstweg“.

Die über Jahrhunderte gewachsenen Beziehungen zwischen Kirchengemeinde und Patronat lösten sich im 20. Jahrhundert zunehmend auf. Patronatsrechte des Staates an der Kirche ließen sich kaum mit der Trennung von Staat und Kirche vereinbaren. Rechte von Privatpersonen in Kirchengemeinden standen der Selbstbestimmung der Kirche entgegen.

Dieser Auflösungsprozeß ist im geltenden Patronatsgesetz der Landeskirche Hannover dokumentiert: „Die in der Landeskirche bestehenden Patronate werden nach Maßgabe dieses Gesetzes verändert oder aufgehoben.“ Besonders die Fusion mehrerer Gemeinden zog oft das Erlöschen oder Ruhen der Patronatsrechte nach sich. Ist ein Patronat einmal erloschen, kann es nicht wieder belebt werden.

Laut Bericht des Landeskirchenamtes zur Herbstsynode 2005 wandelt sich seit etwa zwanzig Jahren diese Auflösungstendenz. Hiervon zeugt eine Gesetzesänderung aus dem Jahre 2000, welche anstelle der Auflösung auch die Möglichkeit eines ruhenden Patronats einräumt. Auf den sogenannten „Patronatstagen“ im Jahre 1998 und 2004 gab es für Patrone und Patroninnen erstmals ein landeskirchliches Forum für Austausch und Information. Schließlich leben in einigen Kirchengemeinden die erloschenen Patronatsverhältnisse auf: Alte Beziehungen werden wieder aufgenommen, Projekte wie zum Beispiel eine Orgelrenovierung gemeinsam durchgeführt.

Vielleicht können diese Gemeinden bald auch rechtlich an alte Traditionen anknüpfen:

Die Landessynode hat am 22. November 2005 eine weitere Änderung des Kirchengesetzes auf den Weg gebracht, welche die Wiederherstellung von aufgelösten Patronatsverhältnissen ermöglicht.

Also die Kirchenbücher nach adligen Schirmherren durchforsten? Ein Sitz im KV für örtliche Spender? Ein Blick in das Kirchengesetz mahnt zur Umsicht: „Neue Patronate können nicht begründet werden“.

Wenn Nadja von Grone an Weihnachten in ihrer Kirchenbank Platz nimmt, freut sie sich besonders auf das Krippenspiel: Vor Jahren hatte sie das Stück umgeschrieben und seitdem zu jedem Weihnachtsfest mit Kindern aus dem Ort einstudiert. „Aufgeführt haben wir es dann in der eigenen Scheune mit lebendigen Tieren.“, erzählt die Patronin. Zwar könne das Krippenspiel inzwischen nicht mehr auf ihrem Hof stattfinden und sie habe die Leitung in andere Hände übergeben, sagt Nadja von Grone, „aber die alten Kostüme und meinen Text gibt es immer noch.“

Hannover, 6.12.2005
Imke Störmer
Pressestelle der Landeskirche