"Die Castor-Tage sind die schlimmsten Tage"

Nachricht 20. November 2005

"Die Castor-Tage sind die schlimmsten Tage" - Atomgegner im Wendland protestieren zu Pferd und mit Gesang

Von Karen Miether (epd)

Gorleben (epd). Rund 30 Reiter und 100 Fußgänger haben sich am Sonntag vor der evangelischen Kirche in Langendorf bei Gorleben versammelt. Das Zaumzeug der Pferde ist mit dem gelben X geschmückt, dem Zeichen für die Anti-Atom-Bewegung im Wendland. Mit einer im protestantischen Norden sonst nicht üblichen "Prozession zu Ehren des Heiligen Leonhard" demonstrieren Castor-Gegner gegen den Atommülltransport in das Zwischenlager wenige Kilometer vor ihrer Haustür.

"Leonhard ist der Heilige der Pferde und der Bauern", sagt Organisatorin Lili Delong von der Castor-Gruppe Langendorf. "Wir fürchten um die Zukunft unserer bäuerlichen Region." Gemeindepastor Detlef Hasse, der eben noch den Gottesdienst in der Kirche gehalten hat, spricht jetzt zu den Menschen auf der Straße. "Die Castor-Tage sind die schlimmsten Tage, die wir miteinander erleben", sagt er. Die Demonstration sei Zeichen der Sorge und ein Zeichen für einen verantwortlichen Umgang mit der Natur und für ein friedliches Miteinander.

Kurz kommt Unruhe auf, als Hubschrauber über den Versammlungsort fliegen. "Das war anders vereinbart", ruft ein Reiter. Es habe Absprachen mit der Polizei gegeben, damit die Pferde durch den Lärm nicht scheu werden. Einsatzkräfte der Polizei begleiten den Demonstrationszug in den Nachbarort Quickborn und zurück. Reiter und Fußgänger bewegen sich dabei auf einer der Straßen, die der Castor-Transport auf dem Weg nach Gorleben nehmen kann.

In Quickborn haben Anwohner der Straße Stoffbanner mit provozierenden Fragen in ihre Vorgärten gehängt. "Warum kommt der ganze Atommüll zu uns?" steht darauf geschrieben und: "Wer will denn für 24.000 Jahre Sicherheit garantieren?" Er bewundere den Mut und die Fantasie des Protestes, sagt Pastor Hasse. Das Problem der Atommüllagerung dürfe nicht als ein lokales Problem klein geredet werden. "Das entspricht der Sache nicht."

In Langendorf und vielen anderen Orten im Kreis Lüchow-Dannenberg öffnet die Kirche auch in diesem Jahr ihre Gemeindehäuser als Nachtquartiere für auswärtige Demonstranten. Seelsorger wollen als Vermittler bei Konflikten schlichten. Noch bis in den späten Abend singen in der Langendorfer Kirche Chöre. Posaunen spielen und Texte werden gelesen. "Kultur contra Castor" heißt das Programm, das die Castor-Gruppe organisiert hat.

Die Kirche nehme an den Ängsten der versammelten Menschen Anteil, sagt Hasse: "Wir leben hier ja auch sonst zusammen." Der Pastor denkt zugleich an diejenigen in seiner Gemeinde, die in den Atomanlagen in Gorleben ihren Arbeitsplatz haben. "Der Riss geht auch durch das Dorf", beschreibt er die schwierige Situation, in der der Castor-Konflikt manchmal bis in den Alltag hineinwirkt.

(epd Niedersachsen-Bremen/b3700/20.11.05)
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