Pfeiffer: Tötung auf Verlangen muss strafbar bleiben

Nachricht 04. November 2005

(epd-Gespräch)

Hannover (epd). Der hannoversche Kriminologe Professor Christian Pfeiffer hat sich gegen jede Form von aktiver Sterbehilfe ausgesprochen.
Er lehne es auch ab, die Beihilfe zum Suizid zu legalisieren, wie dies der Hamburger Justizsenator Roger Kusch (CDU) und die Schweizer Sterbehilfe-Organisation "Dignitas" fordern. "Es wäre falsch, den Paragrafen 216 des Strafgesetzbuches so zu ändern, dass Tötung auf Verlangen nicht mehr strafbar ist", sagte der ehemalige niedersächsische Justizminister Pfeiffer am Freitag im epd-Gespräch.

Damit würde die Tabugrenze zum biblischen Gebot "Du sollst nicht töten" deutlich überschritten, betonte Pfeiffer, der das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen leitet. Die Gefahr des massiven Missbrauchs sei zu groß. So seien in den Niederlanden bereits körperlich gesunde Menschen auf eigenen Wunsch von Medizinern getötet
worden: "Aktives Töten darf aber niemals die Aufgabe von Ärzten sein."

Vorrangig sei vielmehr, die Palliativmedizin zur Linderung von Schmerzen zügig auszubauen und die Hospizidee stärker zu unterstützen, verlangte der Jurist. Er selbst habe seine Mutter bis zu ihrem Tod in einem Hospiz begleitet und dankbar erlebt, dass es möglich sei, dem Sterben seinen Schrecken zu nehmen.

Justizsenator Kusch hatte gefordert, die Tötung auf Verlangen zu legalisieren, indem der entsprechende Paragraf 216 dem Abtreibungsparagrafen 218 angepasst wird. Das Gesetz hält fest, dass Schwangerschaftsabbrüche rechtswidrig sind, aber nach einer Konfliktberatung straffrei bleiben.

Pfeiffer ist sich mit dem Ethik-Experten der hannoverschen Landeskirche, Pastor Ralph Charbonnier, darin einig, dass auch die Regelung des Abtreibungsparagrafen problematisch ist. Sie sei aber nicht mit der Beihilfe zur Selbsttötung vergleichbar, meinen beide. Die biografische Situation von werdenden Müttern sei eine andere als die von sterbenden Menschen.

Der Staat habe grundsätzlich die Aufgabe, Leben zu schützen, sagte Charbonnier: "Es ist keine Lösung, schwangere Frauen in Not zu bestrafen, deshalb gibt es vor einem Abbruch die vom Gesetz vorgeschriebene Konfliktberatung." Auch in der Situation des Sterbens sei zu fragen, welcher Weg das Leben am besten schütze. Die ärztliche und pflegerische Begleitung sollten dabei eindeutig Vorrang haben: "Klar ist, dass die schmerzmedizinische Versorgung besser werden muss. Sie ist in Deutschland unzureichend."

Der Staat müsse kritisch darauf achten, ob Anreize für "eine Kultur des Tötens" geschaffen würden. Es hätte verheerende Folgen, wenn man todkranke Menschen unter Druck setzte, das "Recht zu Sterben" auch in Anspruch zu nehmen, sagte Charbonnier: "Mancher Sterbende würde hier leicht nachgeben."
(epd Niedersachsen-Bremen/b3466/04.11.05)
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