Talkshow "Tacheles" erwägt Für und Wider von Patientenverfügungen

Nachricht 02. November 2005

"Bis hierher und nicht weiter" -
Talkshow "Tacheles" erwägt Für und Wider von Patientenverfügungen

Von Michael Grau (epd)

Hannover (epd). Die Ärzte versuchten alles: Chemotherapie, Stammzellen-Therapie, Lungentransplantation. Doch irgendwann habe ihre krebskranke Tochter Tine gesagt: "Bis hierher und nicht weiter!", erzählt Meta Janssen-Kucz bei der Aufzeichnung der Fernseh-Talkshow "Tacheles" am Dienstagabend in der Marktkirche in Hannover. "Wenn es schief gehen sollte, wollte sie nicht mehr künstlich beatmet werden." Auf einem DIN-A4-Blatt formulierte sie dies als ihren Patientenwillen:
"Wir haben vereinbart, dass in einer solchen Situation einer von uns die Apparate abstellt."

Tine verlor den Kampf gegen den Krebs: Sie starb vor zwei Jahren kurz vor ihrem 18. Geburtstag nach fünfjähriger Krankheit im künstlichen Koma. Ihre Mutter, Landtagsabgeordnete der Grünen in Niedersachsen, hat inzwischen für den Fall einer eigenen schweren Krankheit selbst eine Patientenverfügung abgefasst. "Sie liegt auf ständiger Wiedervorlage, denn sie sollte zeitnah sein." Jeder Mensch solle sich frühzeitig mit der Frage seines Sterbens beschäftigen, rät Janssen-Kucz.

Bei "Tacheles" bekam sie Unterstützung von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der Vizepräsident im EKD-Kirchenamt, Hermann Barth, setzte sich vehement für Patientenverfügungen ein: "Lasst uns dieses zarte Pflänzchen weiterentwickeln", sagte er mit Blick auf Überlegungen im Berliner Bundesjustizministerium. Patientenverfügungen müssten rechtsverbindlicher werden: "Ich möchte das Vertrauen haben, dass mein Wille bei einer ärztlichen Entscheidung wirklich berücksichtigt wird."

Wer die Bedeutung der Patientenverfügung schwäche, treibe die Menschen in die Hände von Sterbehilfe-Organisationen wie "Dignitas", fürchtet Barth, der auch dem Nationalen Ethikrat angehört. Doch nicht alle auf dem Podium sahen das so. Der Hamburger Sozialpsychiater Professor Klaus Dörner lehnte Patientenverfügungen ab: "Wer will behaupten, er könne im Voraus seinen Willen beschreiben?"

Er selbst habe keine Patientenverfügung und wolle offen für die Zukunft bleiben, betonte Dörner. Menschen veränderten sich je nach Lebenssituation: "Wer im Alter pflegebedürftig ist, ist ein anderer."
Wenn eine Patientenverfügung rechtsverbindlich fixiert sei, müsse sich der Arzt im Zweifelsfall nach dem richten, was der Patient vor zehn Jahren einmal aufgeschrieben habe: "Gesetzliche Regelungen stellen uns eine Falle."

Auch der Sohn des verstorbenen Schauspielers Harald Juhnke, der Chirurg Peer Juhnke, sprach sich gegen eine gesetzliche Regelung aus. Patientenverfügungen könnten nicht alle Fälle bis ins Kleinste regeln: "Sie sind Wegweiser."

Für Walter Ullmer vom Verband "Schädel-Hirnpatienten in Not" sind gesetzlich verbindliche Patientenverfügungen ebenfalls ein "Schritt in die falsche Richtung". Allzu frühzeitig könne hier festgelegt werden, dass die Geräte im Grenzfall abgeschaltet werden sollten. Von da aus sei es nicht weit bis zur Sterbehilfe. Ullmers Ehefrau liegt seit der Geburt ihres Sohnes im Wachkoma. Seit 14 Jahren pflegt er sie aufopferungsvoll. An ihrer Gestik und Mimik könne er ablesen, ob sie sich wohlfühlt, erzählte er: "Ich bin überzeugt, dass meine Frau leben will."

Die Talkshow "Tacheles" wird am Mittwoch und Sonntag jeweils um 17 Uhr sowie am Sonnabend um 22.15 Uhr auf dem Dokumentationskanal "Phoenix"
ausgestrahlt. (epd Niedersachsen-Bremen/b3465/02.11.05)
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