Köhler: Frauenkirche zählt zum Besten, was freie Bürger leisten können

Nachricht 01. November 2005

D r e s d e n (idea) – Die Wiedererrichtung der Frauenkirche „zählt zu dem Besten, was freie Bürger leisten können. Dieser wunderbare Bau ist mehr als ein Gebäude. Er steht für das Gute, das uns eint.“ Mit diesen Worten begann Bundespräsident Horst Köhler am 30. Oktober seine Ansprache beim Festakt anläßlich der Weihe der Dresdner Frauenkirche. Die Kirche ist – wie Köhler zitierte – schon kurz nach ihrer Fertigstellung 1743 „als der schönste Kirchbau des Protestantismus“ beschrieben worden. Infolge eines britischen Bombenangriffs stürzte die Kirche am 15. Februar 1945 zusammen. Übrig blieben mehr als 30.000 Kubikmeter Schutt. Die SED wünschte keinen Wiederaufbau. In einem „Ruf aus Dresden“ am 13. Februar 1990 haben dann 22 Bürger – darunter als Sprecher der Trompeter Ludwig Güttler – den Wiederaufbau gefordert. Nach erheblichen Widerständen auch in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens wurde der Wiederaufbau beschlossen. Über 600.000 Bürger in aller Welt spendeten mehr als 100 Millionen Euro für den insgesamt 179 Millionen teuren Kirchbau. Er wurde ein Jahr eher als geplant vollendet und ist schuldenfrei. Nach den Worten des Bundespräsidenten hätten 1990 viele ein Projekt wie der Wiederaufbau der Frauenkirche für weltfremd gehalten: „Hatte nicht Ostdeutschland Straßen, Dächer und Fabriken nötiger als einen teuren Kirchbau?“ Doch die Bürger, die damals den Wiederaufbau forderten, hätten recht gehabt: denn „Menschen leben nicht vom Brot allein“. Eine Stadt sei „mehr als eine Ansammlung von Gebäuden“. Köhler zitierte den Dichter Gerhart Hauptmann, der angesichts der Zerstörung Dresdens mit Zehntausenden von Toten 1945 gesagt habe: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.“ Dem sei – so Köhler – 60 Jahre später hinzuzufügen: „Wer die Zuversicht verloren hat, der gewinnt sie wieder beim Anblick der wiedererstandenen Frauenkirche.“ Sie sei „in einzigartiger Weise Ausdruck des Guten, das in den Bürgern steckt und darauf wartet, geweckt zu werden“. Was mit dem Wiederaufbau erreicht wurde, sollte Deutschland insgesamt Mut machen.

Bundespräsident: Wir Deutschen bringen etwas zustande, wenn wir zusammenarbeiten

Es zeige ganz praktisch, „was wir als Deutsche zustande bringen können, wenn wir gut zusammenarbeiten“. Köhler: „Wer Schülern heute erklären will, was der Ausdruck ‚Europa als Friedenswerk’ bedeutet, dem empfehle ich eine Klassenfahrt nach Dresden und Coventry.“ Waren Teile der englischen Stadt von deutschen Bomben zerstört worden, so die Frauenkirche infolge von britischen. Inzwischen sind beide Städte Partner. Ein Nagelkreuz in der Frauenkirche stammt aus der Kathedrale in Coventry. Das Kuppelkreuz der Frauenkirche hat der Sohn eines britischen Piloten geschmiedet, der am Bombenangriff auf Dresden beteiligt gewesen war. Gestiftet hat das Kreuz der britische Dresden-Fonds, der unter der Schirmherrschaft des Herzogs von Kent gebildet wurde, der zu den eifrigsten Unterstützern des Wiederaufbaus der Frauenkirche gehörte. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) bezeichnete den Tag der Weihe der Frauenkirche als „einen großen Tag für die ganze Welt“, weil diese Kirche ein Zeichen der Versöhnung und des Friedens sei.

Das „größte Wiederaufbauprojekt der Nachkriegszeit“

Der Dresdner Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP) würdigte die Wiedererrichtung der Frauenkirche als „das „größte Wiederaufbauprojekt der Nachkriegszeit“. Den Festakt und den vorangehenden Gottesdienst besuchten fast alle politisch, wirtschaftlich und kirchlich Verantwortlichen Deutschlands sowie die Botschafter Großbritanniens, Frankreichs, Rußlands und der USA. Unter den Politikern nahmen sowohl Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) als auch seine designierte Nachfolgerin Angela Merkel (CDU) teil, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), Bundesratspräsident Matthias Platzeck (SPD, brandenburgischer Ministerpräsident) sowie die drei früheren Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD), Roman Herzog (CDU) und Richard von Weizsäcker (CDU). Neben mehreren Kabinettsmitgliedern kamen auch der Vorsitzende der Grünen, Reinhard Bütikofer, und der Vorsitzende der FDP, Guido Westerwelle. Zu den zahlreichen Bischöfen zählte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann (Mainz). Der Name Frauenkirche stammt von der Bezeichnung der Vorgängerkirche „Unser lieben Frauen“ (Maria gewidmet).

Bischof Bohl: Nichts braucht Deutschland nötiger als eine geistliche Orientierung

Im Gottesdienst verglich der sächsische Landesbischof Jochen Bohl (Dresden) den Wiederaufbau der Frauenkirche mit dem Gleichnis Jesu vom Senfkorn. Aus dem stecknadelkopfkleinen Senfkorn werde eine nützliche Pflanze für Menschen und Vögel. Es sei ein Zeichen für die Kraft des Lebens. Und so verhalte es sich laut Jesus auch mit dem Reich Gottes: „Es wächst aus kleinsten Anfängen zu Größe und strahlender Schönheit.“ Auch der Wiederaufbau der Frauenkirche habe winzig klein begonnen, sei aber ein großes Werk im Geist der Versöhnung geworden. Er habe begonnen mit den Kerzen, die Jugendliche am Jahrestag der Zerstörung Dresdens 1982 an der Ruine der Frauenkirche als Ausdruck ihrer Friedenssehnsucht entzündeten. Die Bilder der brennenden Kerzen seien um die ganze Welt gegangen und die Ruine zur Botschaft geworden. Nichts brauche Deutschland, auf dem eine „Angststarre“ liege, nötiger als eine Orientierung auf die geistliche Dimension des Lebens. Der Wandel in diese Richtung habe mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche begonnen. Wer nicht auf Gott sehe, werde das Leben verfehlen. Ohne die Orientierung an seiner verläßlichen Wahrheit „gefährden wir alles“. (31.10.05/16:56)

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