"Betet ohne Unterlass"

Nachricht 19. Oktober 2005

Das 2.000 Jahre alte Herzensgebet erobert Christen in Europa neu

Von Ulrike Millhahn (epd)

Hannover/Waren (epd). Werbung haben sie nicht nötig. Seit Heinz und Marianne Behnken vor drei Jahren das Meditationshaus für Stille und Begegnung "Via Cordis" eröffneten, kommen Gäste aus ganz Deutschland in das evangelische Kloster Wennigsen bei Hannover. "Viele Menschen haben eine große Sehnsucht nach Orientierung, Spiritualität und Gemeinschaft", sagt Pastor Behnken. Am Dienstag berichtete das Ehepaar vor der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands im mecklenburgischen Waren über seine seelsorgerliche Arbeit.

Heinz Behnken (65) hat die Einkehrstätte mit einem insgesamt fünfköpfigen Team ehrenamtlich aufgebaut. Inzwischen werden für die 35 Seminare pro Jahr schon manchmal Wartelisten geführt. Den Erfolg begründet der Ruheständler im epd-Gespräch so: "Wir setzen einen bewussten Kontrapunkt zur Außenwelt, die sich oft in Aktivitäten verliert." Die Teilnehmer sollen ihre Erfahrungen dabei später umsetzen: "Was wir im Gebet erleben, kommt im Alltag auf den Prüfstand." Darum sei eine wichtige Frage am Ende jedes Kurses: "Was ist mein nächster konkreter Schritt?"

Das Kernstück von "Via Cordis", dem "Weg des Herzens", ist das Herzensgebet, das in der Meditation ständig wiederholt und mit dem Atemrhythmus verknüpft wird. "Es stammt aus einer Tradition, die fast so alt wie das Christentum selbst ist", erzählt Behnken. Die Wurzeln reichen bis ins zweite Jahrhundert zurück. Damals flüchteten von den Römern verfolgte Christen in die ägyptische Wüste und lebten dort als Einsiedler oder in Gruppen zusammen. Sie hielten sich an die biblische Weisung "Betet ohne Unterlass" und wurden zu gefragten spirituellen Ratgebern.

Das daraus gewachsene Jesusgebet "Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner" wurde fester Bestandteil des orthodoxen Mönchtums. Heute beten Menschen aller Konfessionen im Herzensgebet auch Worte aus Psalmen, oder sie sprechen Kurzgebete wie "Herr, hilf". "Schon in griechischen Schriften des 13. Jahrhunderts wird zu einer psychosomatischen Gebetsmethode angeleitet", sagt Marianne Behnken (64), die auch Atem- und Sprechlehrerin ist. Darin heißt es zum Beispiel: "Du aber setze dich in einen ruhigen Winkel, sammle dich innerlich, und führe den Geist durch die Nase, auf dem Weg des Atems, zum Herzen hin."

Dieses ganzheitliche Prinzip hat der Schweizer katholische Theologe und Psychoanalytiker Franz-Xaver Jans-Scheidegger weiter entwickelt und mit einem tiefenpsychologischen Ansatz verknüpft. Vor 25 Jahren gründete er die "Via Cordis"-Weggemeinschaft. Heute gibt es rund 120 Gruppen in Europa. "Unser Tagesablauf wird durch Meditation, Gebete, Gesang, Atemarbeit, künstlerisches Gestalten, persönliche Gespräche und immer wieder Stille strukturiert", beschreibt Marianne Behnken die Angebote im Kloster Wennigsen.

Die Vorbehalte, die manche evangelischen Theologen gegen diese Art christlicher Meditation haben, teilt die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann nicht: "Wenn wir als Kirche zukunftsfähig bleiben wollen, brauchen wir unterschiedliche Formen von Spiritualität."

Das sieht auch die Klosterkammer Hannover so, die das 800 Jahr alte Kloster Wennigsen verwaltet und für den deutschen Standort von "Via Cordis" öffnete. Die Weggemeinschaft habe Erfahrungen und Kompetenzen in seelsorgerlicher Begleitung, spiritueller Vertiefung und religiöser Orientierung, sagt Präsidentin Sigrid Maier-Knapp-Herbst: "Deshalb liegt es ganz im Sinn klösterlicher Traditionen, sie in den Schutzraum des Klosters zurückkehren zu lassen." (epd Niedersachsen-Bremen/b3233/18.10.05)

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