"Wir klagen uns an" - 60 Jahre Stuttgarter Schulderklärung

Nachricht 17. Oktober 2005

Von Michael Grau (epd)

Hannover/Stuttgart (epd). Am Nachmittag des 16. Oktober 1945 ratterte ein Lastwagen der französischen Besatzungsarmee ins zerbombte Stuttgart. Die Insassen, die ihr Quartier im Hotel "Graf Zeppelin" am Hauptbahnhof bezogen, waren hochrangige Kirchenvertreter aus Ländern, gegen die Deutschland noch ein halbes Jahr zuvor Krieg geführt hatte: aus Frankreich, den USA oder den Niederlanden. Sie kamen mit einer sensiblen Aufgabe: die Verbindung zum Rat der gerade gegründeten Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aufzunehmen.

Ihr Besuch vor 60 Jahren wurde zum Anlass für eines der wichtigsten Dokumente in der Geschichte der EKD: die Stuttgarter Schulderklärung.
Der Theologe Hans Asmussen (1898-1968) verlas sie am Vormittag des 19. Oktober 1945 in einem Saal der bombengeschädigten Württembergischen Bibelanstalt. Die Kernsätze: "Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. ... Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."

Damit bezeugten deutsche Kirchenmänner fünf Monate nach Kriegsende stellvertretend für das ganze deutsche Volk ihre Mitverantwortung für die Verbrechen des Nazi-Regimes. Der Politik-Professor Joachim Perels aus Hannover, Sohn des von den Nazis ermordeten Juristen und Widerstandskämpfers Friedrich Justus Perels (1910-1945), betont die "epochale Bedeutung" der Erklärung: "Das war ein gewaltiger Schritt gemessen an dem, was man erwarten konnte. Denn die deutsche Gesellschaft ließ das Thema Kriegsschuld nicht an sich herankommen und schob es weg."

Eine knisternde Spannung hatte über dem Treffen in Stuttgart gelegen. Denn die Ökumene-Gäste erwarteten zwar eine Äußerung der Protestanten gegenüber dem NS-Regime, wollten sie aber nicht offen fordern. Auf der anderen Seite erwogen einige der deutschen Kirchenmänner von sich aus ein Schuldbekenntnis. "Die deutsche Kirche soll bekennen und mit ihr das deutsche Volk, dass es gesündigt hat vor Gott", sagte der stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende und ehemalige KZ-Häftling Martin Niemöller (1892-1984) in Stuttgart.

Der Rat, zu dem auch der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann (1899-1976) gehörte, folgte einem Entwurf des Berliner Bischofs Otto Dibelius (1880-1967) und ergänzte ihn durch Formulierungen von Asmussen und Niemöller. Der Politologe Perels hebt hervor, dass die Erklärung nicht Schuld mit der Gegenschuld der früheren Kriegsgegner aufrechne:
"Hier wurde eigene Schuld ausgesprochen und nicht nur ein Vergleich." Zugleich sei die evangelische Kirche "über ihren nationalistischen Schatten gesprungen". Denn traditionell waren Protestantismus und deutschnationale Gesinnung nahezu identisch.

Kritiker haben immer wieder eingewandt, dass die Stuttgarter Erklärung die Schuld nicht konkret beim Namen nenne. "Der Blick auf Israel fehlt, das Massenmorden der Deutschen wird nicht zum Thema", sagt der Kirchenhistoriker Siegfried Hermle (Köln). Verzögert gelangte das EKD-Dokument in die Öffentlichkeit. "Evangelische Kirche bekennt Deutschlands Kriegsschuld", titelte der "Kieler Kurier" acht Tage später.

Das Echo war verheerend, es hagelte Proteste. Weite Teile der Bevölkerung und auch der Kirche wollten von Kriegsschuld nichts wissen. Einige Ratsmitglieder wie der hannoversche Bischof Hanns Lilje (1899-1977) schwächten die Erklärung daraufhin ab: "Sie ist keine politische, sondern eine kirchliche Erklärung."

Im Ausland dagegen wurde das Kirchenwort positiv aufgenommen. Nicht zuletzt ebnete es den Weg für Hilfslieferungen vor allem aus den USA. "Das Stuttgarter Schuldbekenntnis bahnte den deutschen Protestanten den Weg zurück in die weltweite Christenheit", sagt der Münchner Kirchenhistoriker Harry Oelke.
(epd Niedersachsen-Bremen/b3269/13.10.05)

Das aktuelle Stichwort: Stuttgarter Schulderklärung

Hannover/Stuttgart (epd). Mit der Stuttgarter Schulderklärung bekannte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am 19. Oktober 1945 stellvertretend für das deutsche Volk ihre Mitverantwortung für die Verbrechen des Nazi-Regimes. Anlass war ein Besuch einer Delegation des vorläufigen Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) unter Leitung von Generalsekretär Willem Adolf Visser't Hooft (1900-1985). Die Delegation lud die erst wenige Wochen zuvor gegründete EKD daraufhin ein, Mitglied im ÖRK zu werden.

Die Kernsätze der Erklärung lauten: "Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. ... Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben." Der Theologe Hans Asmussen (1898-1968) verlas die auf einer abgenutzten Schreibmaschine getippte DIN-A4-Seite in einem Saal der bombengeschädigten Württembergischen Bibelanstalt.

Unterzeichnet ist die Erklärung von elf Ratsmitgliedern, unter ihnen der Ratsvorsitzende und württembergische Bischof Theophil Wurm (1868-1953), sein Stellvertreter Martin Niemöller (1892-1984) und der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann (1899-1976). Der Rat folgte einem Textentwurf des Berliner Bischofs Otto Dibelius (1880-1967) und ergänzte ihn durch Formulierungen von Asmussen und Niemöller. Vorausgegangen waren mündliche Schuldbekenntnisse von Asmussen, Niemöller und dem Ratsmitglied Wilhelm Niesel (1903-1988) in Gegenwart der ökumenischen Gäste.

Das Schuldbekenntnis löste ein geteiltes Echo aus. Im Ausland wurde es begrüßt und ermöglichte eine Flut von Spenden vor allem aus den USA.
In Deutschland dagegen stieß es auf Kritik, weil die EKD eine Kollektivschuld der Deutschen eingeräumt habe. Historiker weisen darauf hin, dass die Schulderklärung den deutschen Protestanten nach dem Debakel der NS-Zeit den Weg zurück in die weltweite Christenheit gebahnt habe.
(epd Niedersachsen-Bremen/b3271/13.10.05)

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