Krokodile im Waschbecken

Nachricht 13. Oktober 2005

Seemannsdiakon schreibt Buch über Anekdoten vom Leben an Bord

Von Dieter Sell (epd)

Stade (epd). Bissige Krokodile im Waschbecken, eine gewaltige Kanarienvogelzucht zwischen vibrierenden Bordwänden, die Spanferkel-Braterei im öligen Maschinenraum: Wer mit Seeleuten zu tun hat, trifft nicht selten auf außergewöhnliche Situationen und skurrile Menschen. So ist es auch Seemannsdiakon Ernst-Otto Oberstech ergangen, der seit fast 20 Jahren die "Oase" am Hafen von Stade-Bützfleth bei Hamburg leitet. Einige dieser Geschichten aus dem Seemannsclub hat er nun in einem Buch zusammengefasst. "Alles wahr, kein Seemannsgarn", schwört Oberstech.

Das geflügelte Wort von den anderen Ländern, in denen andere Sitten gelten, kann Oberstech nur bestätigen, speziell, wenn es um das Essen an Bord geht. Nicht nur, dass ihm der superscharf gewürzte Weißkohl in der koreanischen Nationalspeise "Kimchi" regelmäßig Tränen in die Augen treibt. Auch die unter Osteuropäern beliebten "Kaldaunen", umgestülpte und ausgekochte Gedärme, sind laut Oberstech "sehr gewöhnungsbedürftig, selbst wenn die Eingeweide in einer würzigen Suppe schwimmen".

Richtig Ärger bekam der Schiffskoch, der nach philippinischem Originalrezept gern einen Hund gegrillt hätte. Die Frage an den tierliebenden Kapitän, ob er deshalb einen größeren Bräter kaufen dürfe, beantwortete der Deutsche mit einer Schimpfkanonade. "Sie muss so beeindruckend gewesen sein, dass er nach zehn Tagen immer noch geknickt war", erinnert sich Oberstech, der nach dieser Geschichte sein Buch benannt hat: "Grilled german dog, filipino style". Der Titel kann über den Seemannsclub bestellt werden (Kontakt: 04146/1233).

Augenzwinkernd führt der 54-Jährige in eine Welt ein, die Landratten völlig fremd ist und in der es heftig menschelt. Sein Erfahrungsschatz ist reich, denn allein die Stader "Oase" wird jährlich von 5.000 Seeleuten aus 40 Nationen besucht. So erfährt der Leser, dass sich Kanarienvögel an Bord explosionsartig vermehren und dass Chinesen Krokodile im Waschbecken halten. 20 davon, jeweils 15 Zentimeter groß, beeindruckten Oberstech enorm: "Obwohl noch klein, sahen die Reptilien bereits gefährlich aus, besonders, als sie sich um ein Stück Hühnerfleisch balgten."

Entspannter war da schon der weihnachtliche Bordbesuch neben dem dröhnenden Schiffsdiesel, wo der Maschinist in aller Seelenruhe über einem Trog mit Holzkohle ein Spanferkel drehte. Anekdoten wie diese erleben auch Oberstechs Kolleginnen und Kollegen in den 32 Inlands- und Auslandsstationen der Deutschen Seemannsmission. Ihr Auftrag ist die überkonfessionelle Seelsorge und die praktische Hilfe für Seeleute aus aller Welt, die meist über Monate fern von Heimat und Familie arbeiten und aufgrund kurzer Liegezeiten in den Häfen selten von Bord kommen.

"Mit feiner Beobachtungsgabe blickt Oberstech liebevoll auf die Menschen, die ihm begegnen", lobt der Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission, Hero Feenders. So entstehe "ein Bild einzelner Seeleute, das von großer Ehrlichkeit und Tiefe, von zartem Humor und unbefangener Fröhlichkeit gekennzeichnet ist". Und auf Nachfrage versichert Oberstech nochmals mit fester Stimme: "Alle Geschichten haben sich so zugetragen." (epd Niedersachsen-Bremen/b3253/13.10.05)

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