Vor 60 Jahren wurde das Grenzdurchgangslager Friedland errichtet

Nachricht 12. Oktober 2005

Erstversorgung im Schweinestall -
Vor 60 Jahren wurde das Grenzdurchgangslager Friedland errichtet
Von Reimar Paul (epd)

Friedland (epd). Erhobenen Hauptes tritt der Heimkehrer den Stacheldraht nieder: Das vier Meter hohe Denkmal aus Muschelkalk steht am Eingang zum Grenzdurchgangslager Friedland, das vor 60 Jahren errichtet wurde. Als Gründungsdatum gilt der 26. September 1945 - an diesem Tag meldete der britische Oberstleutnant Perkins das Lager arbeitsfähig. Zur offiziellen Geburtstagsfeier kam am Mittwoch auch Bundespräsident Horst Köhler nach Friedland.

Als der von den Nationalsozialisten losgetretene Zweite Weltkrieg vorbei war, herrschten überall in Deutschland Hunger, Chaos und Verzweiflung. Millionen Flüchtlinge und Vertriebene irrten über die Straßen, die Versorgung der Menschen mit Kleidung und Nahrungsmitteln sowie der öffentliche Verkehr waren zusammengebrochen. In Friedland bei Göttingen, wo drei Besatzungszonen aneinander stießen und es einen Bahnhof und eine große Straße gab, ordneten die Alliierten die Einrichtung eines Auffanglagers an.

Über Nacht wurde Friedland zum Anlaufpunkt für Hunderttausende. Schon bis Ende 1945 passierten eine halbe Million Menschen das von vielen Politikern so genannte "Tor zur Freiheit" - vor allem Vertriebene aus den ehemaligen Reichsgebieten östlich von Oder und Neiße sowie entlassene Kriegsgefangene.

Als erste Behelfsunterkünfte dienten ihnen Schweine- und Pferdeställe auf dem leer stehenden Versuchsgut der Universität Göttingen. Dann stellte man Armeezelte auf, errichtete Holzbauten und Wellblechbaracken.

Die Versorgung der Neuankömmlinge war in den ersten Nachkriegswintern schwierig. Frauen und Kinder drängten sich bei eisiger Kälte in den Hütten und Baracken zusammen. Teilweise nur mit Fetzen bekleidet liefen die Männer bei Temperaturen von bis zu 20 Grad unter Null im Freien herum, um nicht zu erfrieren. 66 Menschen, unter ihnen zehn Kinder, starben.

Besserung brachte der Einsatz der Hilfswerke. Das Rote Kreuz und die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die evangelische Innere Mission und der katholische Caritas-Verband richteten bis 1948 Büros und Kleiderkammern im Lager ein. "Die Zusammenarbeit war von Anfang an gut", erinnert sich der langjährige evangelische Lagerpfarrer Hans-Gerhard Isermeyer. Die Innere Mission kleidete die Frauen ein, die Caritas die Männer, das Rote Kreuz die Kinder, die Arbeiterwohlfahrt die Säuglinge.

Vor 50 Jahren handelte Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) in Moskau die Freilassung der letzten rund 10.000 deutschen Kriegsgefangenen aus.
Diese Reise, bei der auch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vereinbart wurde, war das erste Treffen zwischen den politischen Spitzen der gerade souverän gewordenen Bundesrepublik und der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Gefangenen kehrten im Oktober 1955 über Friedland und das hessische Herleshausen zu ihren Familien zurück. Alte Fotos zeigen die Gesichter und Körper der Entlassenen. In Glasvitrinen des Friedländer Dokumentationszentrums sind in sowjetischen Gefangenenlagern gebastelte Gebrauchsgegenstände ausgestellt - Zigarettendosen aus Blech oder aus Holz geschnitzte Schachspiele.

Später fanden auch Flüchtlinge und Asylbewerber vorübergehend Aufnahme in Friedland. Rund 3.000 Ungarn, die nach dem gescheiterten Aufstand ihr Land verlassen hatten, erreichten das Lager 1956. In den sechziger Jahren kamen verfolgte Pinochet-Gegner aus Chile, später "Boat People" aus Vietnam oder Flüchtlinge aus Albanien.

Heute ist das Grenzdurchgangslager Friedland die einzige Erstaufnahme-Einrichtung für Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen. Sie kommen fast ausschließlich aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Die Aussiedler bleiben nur einige Tage im Lager, dann werden sie auf andere Gemeinden verteilt. Für Viktor Busch gab es vor kurzem einen dicken Blumenstrauß. Der 66-Jährige aus Omsk in Sibirien war der viermillionste Neuankömmling in Friedland. Insgesamt ist die Zahl der Aussiedler zuletzt aber stark zurückgegangen.

Ausstellungen, Führungen und Gottesdienste erinnern in diesen Wochen an das 60-jährige Bestehen des Lagers. In einem "Erzählcafé" berichteten am Mittwoch Flüchtlinge, Vertriebene und Heimkehrer über die Anfänge der Einrichtung. (epd Niedersachsen-Bremen/b3213/12.10.05)

Hintergrund: Innere Mission im Lager Friedland

Friedland (epd). Bei seinem Rundgang durch das Grenzdurchgangslager Friedland hat Bundespräsident Horst Köhler am Mittwoch auch die dort tätigen Hilfswerke. Erste Station war die evangelische Innere Missio besucht. Engagierte Christen riefen den Verein Innere Mission im
November 1945 ins Leben, als die ersten Flüchtlinge und Heimkehrer das von den britischen Militärbehörden errichtete Lager erreichten.

Vorrangige Aufgaben waren damals die Versorgung der Ankömmlinge mit Lebensmitteln und Kleidung sowie seelsorgerlicher Beistand. Am 16.
Januar 1949 wurde die evangelische Lagerkapelle eingeweiht, am 1. Advent desselben Jahres die Friedlandglocke. Bis heute versorgen Mitarbeiterinnen der Inneren Mission die ankommenden Aussiedlerinnen mit neuwertigen und gebrauchten Kleidungsstücken sowie mit Gegenständen des täglichen Bedarfs.

Sozialarbeiterinnen helfen beim Ausfüllen von Anträgen, sie informieren über Rechts- und Gesundheitsfragen. In der evangelischen Lagerkapelle gibt es täglich um 18.30 Uhr Andachten statt und sonntags um 10 Uhr Gottesdienste. Lagerpfarrer und Geschäftsführer der Inneren Mission ist zurzeit Pastor Martin Steinberg. (epd Niedersachsen-Bremen/b3246/12.10.05)

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