Jugendkirchen boomen

Nachricht 28. September 2005

Lust auf Kirche machen -
Jugendkirchen boomen und gelten als Innovation für die kriselnde Jugendarbeit

Von Bettina von Clausewitz (epd)

Oberhausen/Hannover (epd). "Hier sind nicht so langweilige Kirchenbänke", sagt der 17-jährige Marvin aus Hannover und räkelt sich auf einem leuchtend roten Sitzkissen mitten in der Kirche. "Die ganze Atmosphäre ist lockerer und man kann im Gottesdienst sogar selber mitmachen." Die Sonntagsgottesdienste in der "Jugendkirche Hannover" mit moderner Musik und meditativem Mitmach-Programm finden abends um 18 Uhr statt - eine akzeptable Zeit für Jugendliche, die morgens lieber ausschlafen als auf harten Bänken zu sitzen.

An den Wochentagen gibt es weitere Angebote, vom (T)Raumcafe Surprise über eine Harry-Potter-Nacht bis hin zum "Bibeln mit Heiko". Die alte Kirche präsentiert sich im neuen Outfit: Die ehemalige Lutherkirche wurde für 670.000 Euro modernisiert und vor einem Jahr als Jugendkirche neu eröffnet. Mit diesem Modellprojekt reagierte die hannoversche Landeskirche darauf, dass immer weniger Jugendliche den Kontakt zur Kirche suchen, die sie "langweilig und verstaubt" finden.

Im ganzen Bundesgebiet entstanden seit Ende der 90er Jahre als Antwort auf den Exodus der Jugend unterschiedlich strukturierte Jugendkirchen und Jugendgemeinden, vom aufwändig modernisierten Kirchenbau bis hin zur kleinen ehrenamtlichen Initiative. Beobachter sprechen von rund 70 Projekten, Tendenz steigend.

Wie muss eine Kirche sein, die den christlichen Glauben zeitgemäß vermittelt und für kirchenferne Jugendliche attraktiv ist? Diese Frage beschäftigte bei einem dreitägigen Symposion in Oberhausen, das am Dienstag zu Ende ging, rund 200 Fachleute aller Konfessionen aus ganz Deutschland. Allen gemeinsam war die Erkenntnis, dass Jugendliche nicht mehr Objekte kirchlicher Arbeit sein dürfen, sondern Subjekte sind: Nur wenn sie selbst entscheiden, gestalten und den Glauben in ihrer Jugendkultur umsetzen können, haben sie Lust auf Kirche.

"Wir brauchen Euch!" sagte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, bei dem Treffen. Jugendkirchen seien "eine berechtigte Lebensweise von Kirche". Der Osnabrücker katholische Jugendbischof Franz-Josef Bode nannte Jugendkirchen "Kondensationspunkte des Glaubens" und eine Investition in die Zukunft der Kirche.

Sichtbares Ergebnis des Treffens war die Initiative zur Gründung eines Netzwerkes, das für besseren Erfahrungsaustausch sorgen soll. Etwa in Fragen einer jugendgemäßen Liturgie und Raumgestaltung, bei Fundraising und Kulturmanagement, aber auch im Umgang mit den Ortsgemeinden, die in den Jugendkirchen oft unliebsame Konkurrenz sehen. "Es muss ja nicht jede Jugendkirche das Rad neu erfinden, man kann von den Erfahrungen anderer profitieren", sagt Michael Freitag von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej).

Wie zentral das Eingehen auf die Kultur der jungen Leute ist, zeigen Umfragen des Soziologen Matthias Sellmann. Demnach bezeichnen 93 Prozent der Jugendlichen ihre Kleidung als "wichtig bis sehr wichtig". Schönheit, Ästhetik und Selbstinszenierung stehen hoch im Kurs. Sellmann, "Trendscout" der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle in Hamm, spricht von einem "völligen Versagen dogmatischer und moralischer Kommunikation". Gelingen könne dagegen eine ästhetische Kommunikation:
"Deshalb stellt sich die Frage, wie man die Botschaft, die einem wichtig ist, in diesem Modus rüberbringt." (epd Niedersachsen-Bremen/b3080/28.09.05)

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