Akademien gegen gesellschaftlichen Rückzug der Kirche

Nachricht 22. September 2005

Berlin/Loccum (epd). Der Vorsitzende der Evangelischen Akademien in Deutschland, Fritz Erich Anhelm, hat die Kirchen vor einem Rückzug aus der Gesellschaft gewarnt. "Die Kirche muss über ihre Gemeinden hinausreichen, wenn sich das nicht nur in Selbstbestätigung verlieren will", sagte Anhelm am Donnerstag in einem epd-Gespräch in Berlin. Ein Verzicht darauf, auch kirchenferne Milieus zu erreichen, würde zudem die politische Kultur der Gesellschaft schädigen. Am Wochenende feiert die Evangelische Akademie Bad Boll ihren 60. Geburtstag. Sie war nach dem Zweiten Weltkrieg als erste ihrer Art gegründet worden.

"Wenn man Akademien als eine Investition der Kirche in die politische Kultur einer Gesellschaft begreift und sich diese heute ansieht, dann sind sie mehr als notwendig", so der Soziologe, der die Akademie in Loccum bei Nienburg leitet. Die Tatsache, dass etwa in der zweitgrößten deutschen Stadt Hamburg diese Form der "nachhaltigen evangelischen Präsenz im öffentlichen Raum", also besonders bei den politischen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Experten und Entscheidern, nicht mehr gewährleistet sei, halte er für ein "Manko". Die Hamburger Akademie war 2003 geschlossen worden.

Trotz des insgesamt starken Rückhalts in den Kirchenleitungen könne er nicht absehen, ob und inwieweit sich die Zahl der bundesweit 16 evangelischen Akademien in den nächsten fünf Jahren weiter reduzieren werde. Abgesehen von einer möglichen "Zusammenführung" der Einrichtungen in Berlin und Görlitz auf Grund der dortigen Fusion der Landeskirchen zeichneten sich derzeit keine weiteren Schließungen oder Fusionen ab. Allerdings zähle in den Sparkonzepten von heute eine große Tradition, wie sie die Akademien hätten, nicht mehr viel.

Mit einer Anzahl von beispielsweise drei oder vier Akademien könnten die evangelischen Landeskirchen nur noch auf Bundesebene an der öffentlichen Diskussion teilnehmen, aber mit Sicherheit nicht mehr in regionalen Zusammenhängen. "Ich weiß nicht, ob die Kirchen gut beraten sind, darauf zu verzichten", sagte Anhelm.
Angesichts der kirchlichen Sparmaßnahmen seien die Akademien künftig stärker auf Drittmittel und Kooperationspartner angewiesen, kündigte der Dachverbands-Vorsitzende an. Außerdem würden sie "realistische Teilnehmerbeiträge" erheben müssen.

Trotz der mittlerweile harten Konkurrenz auf dem Tagungsmarkt sprach Anhelm von einem "Siegeszug", den die evangelischen Akademien in den 60 Jahren seit ihrer ersten Gründung angetreten hätten: "Die Gesellschaft will Orte der Reflexion haben und nicht nur von einem Event zum anderen stolpern."

Einen besonderen Aufschwung hätten die Akademien gerade in Ostdeutschland erfahren. "Vor der Wende waren sie zwar oft die Dächer für Demokratiebewegungen, aber sie hatten kaum Häuser und personelle Ausstattung." Das sei heute ganz anders, unterstrich Anhelm. (epd
Niedersachsen-Bremen/b3021/22.09.05)

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen