Schweizer Sterbehilfe-Organisation kommt nach Hannover

Nachricht 22. September 2005

Hannover (epd). Die Schweizer Sterbehilfe-Organisation "Dignitas" will nach eigenen Angaben am Montag in Hannover ihre erste Zweigstelle außerhalb Zürichs gründen. Die Organisation hat in den vergangenen sieben Jahren 453 schwerstkranke Menschen mit einem hoch dosierten Schlafmittel bei ihrem Suizid unterstützt. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hält die Ansiedlung des Vereins in Hannover für problematisch.

"Dignitas" vermittele den Anschein, als ob Sterben eine Sache von guter Planung und effektiver Umsetzung sei, sagte Käßmann am Donnerstag auf Anfrage: "So eine Auffassung kann bei Menschen, die starke Schmerzen erleiden, eine Krise durchleben oder keine Perspektive mehr für ihr Leben sehen, zu Kurzschlussreaktionen führen."

Auch der hannoversche Palliativ-Mediziner Christian Robold, der schwerstkranke Menschen betreut, nannte es gefährlich, wenn ein schweres Leiden auf die Frage verkürzt werde, wie sich der Betroffene am besten umbringen könne. Schwerstkranke Menschen sähen eine Selbsttötung zunächst als Ausweg, um ihr Leiden zu beenden: "Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es fast immer einen Weg gibt, um zum Beispiel Schmerzen und Luftnot erträglich zu machen." Robold leitet die Klinik für Palliativmedizin im hannoverschen Siloah-Krankenhaus.

Die entscheidende Frage sei, was man bei schwerer Krankheit tun müsse, um Leiden so zu erleichtern, dass der Wunsch nach einem Suizid überflüssig werde. Eine Schmerztherapie und die Kontrolle der Symptome wie Übelkeit schlügen bei Tumorpatienten in 98 Prozent aller Fälle an.
"Ich habe noch nie erlebt, dass Schmerzen unerträglich bleiben", betonte Robold. Die individuelle Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, sollte nur dann gefällt werden, wenn wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft seien. Genau das geschehe jedoch bei der Sterbehilfe häufig nicht.

Dies bestätigte auch Margit Leuthold von der Nationalen Ethikkommission der Schweiz. Immer mehr todkranke Deutsche seien in den vergangenen Jahren zum Sterben in die Schweiz gereist. "Der Zeitraum zwischen der Einreise und dem Tod der Sterbetouristen beträgt manchmal nur 24 Stunden", kritisierte sie. Es sei schwierig zu ermitteln, ob damit die Bedingungen für eine straffreie Beihilfe zum Suizid erfüllt seien.

Pastor Ralph Charbonnier vom Zentrum für Gesundheitsethik der hannoverschen Landeskirche sagte, wer ein selbstbestimmtes Sterben unterstützen möchte, müsse die Palliativmedizin fördern. Es sei ein Skandal, dass für diese Medizin, die das Gesundheitssystem mit etwa einem Prozent Mehrkosten belasten würde, noch immer keine ausreichenden finanziellen Mittel zur Verfügung stünden. Auch Bischöfin Käßmann forderte, die Palliativmedizin zu stärken und die Hospizbewegung zu
stützen: "Es geht um ein Sterben in Würde und nicht um ein schnelles und effektives Ableben." (epd Niedersachsen-Bremen/b3032/22.09.05)

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