Evangelische Lebensberatung will Eltern stark machen

Nachricht 20. September 2005

"Viele trauen sich Erziehung nicht mehr zu"
Evangelische Lebensberatung will Eltern stark machen

Von Dieter Sell (epd)

Rotenburg/Wümme (epd). In der Schule hat sich der neunjährige Mark (Name geändert) zum ruppigen Außenseiter entwickelt. Die Mutter erwartet jetzt von der evangelischen Lebensberatung in Rotenburg bei Bremen ein Therapieangebot für ihren Sohn. "Viele Eltern sind überrascht, dass wir dann nur mit ihnen die Probleme angehen", sagt Bernd Schaefer-Rolffs, der das Zentrum leitet. "Wir wollen die Eltern stark machen. Dann geht es auch den Kindern besser", sagt der Theologe, der nun nach 15 Jahren Beratungsarbeit in den Ruhestand geht.

Das Problem des Kindes sei meist eine Reaktion auf Schwierigkeiten der Eltern, bilanziert Schaefer-Rolffs. Mit der Einrichtung in Rotenburg leitet er eine der größten Lebensberatungsstellen der hannoverschen Landeskirche. "Viele Eltern trauen sich angesichts wachsender Verunsicherungen Erziehung gar nicht mehr zu", sagt der psychoanalytisch ausgebildete Pastor, der auch kirchlich Beschäftigten zur Seite steht. Mit dem steigenden Bedarf an Erziehungsberatung wachsen bei ihm die Wartelisten.

Die Familie sei hohen Belastungen ausgesetzt, begründet Schaefer-Rolffs. Die Statistik zeige, dass Eltern und Kinder zunehmend von Arbeitslosigkeit und Armut bedroht seien.
Schwierigkeiten müssten überwiegend aus eigenen Kräften gemeistert werden, weil es gesellschaftlich zu wenig Unterstützung gebe. "Kommunen und Kirchen verweisen auf ihre leeren Kassen und schränken ihre sozialen Dienstleistungen ein."

Zwar bekennt sich die hannoversche Landeskirche in ihrem Perspektivpapier vom Frühjahr zur Hilfe in familiärer Not, dennoch will sie bei ihren mehr als 30 Beratungsstellen kürzen. Die Weiterführung solle "von funktionierenden nicht-kirchlichen Zufinanzierungen" abhängig gemacht werden, heißt es. "Wir müssen Institutionen erhalten und ausbauen, die Eltern und Kinder unterstützen", hält Schaefer-Rolffs bei stetig steigenden Beratungszahlen dagegen. Allein im vergangenen Jahr half das siebenköpfige Team in Rotenburg in mehr als 450 Fällen.

"Der Anteil vielfach belasteter Familien wächst", ergänzt der Pastor, dessen Nachfolge nach dem Willen der Landeskirche nicht mehr mit einem Theologen besetzt werden soll. Diese "Multi-Problem-Fälle" bedeuteten einen enormen Zeitaufwand. Oft seien gleich mehrere aus dem Team damit beschäftigt, ein Knäuel von Krisen in der Erziehungs-, Ehe- und Lebensberatung aufzulösen, sagt der 65-jährige: "Da schlägt sich der zunehmende soziale Druck in unserer Arbeit nieder." (epd Niedersachsen-Bremen/b2991/20.09.05)

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