Niedersachsens evangelische Frauenklöster sollen mit neuem Leben erfüllt werden

Nachricht 19. September 2005

Ein Schatz von Frauen für Frauen -
Niedersachsens evangelische Frauenklöster sollen mit neuem Leben erfüllt werden - (mit Bild)

Von Ulrike Millhahn (epd)

Hannover (epd). Gabriele Siemers hat viel vor. Die 52-jährige Diplom-Pädagogin und Meditationslehrerin will das 800 Jahre alte Frauenkloster Wennigsen bei Hannover mit neuem Leben füllen. Im Januar wurde die Mutter von vier erwachsenen Kindern feierlich in ihr Amt als 38. urkundlich nachgewiesene Äbtissin eingeführt. Unterstützt wird Siemers von einflussreichen Frauen wie der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann: "Wir können die Klöster nur lebendig halten, wenn wir ihr Erbe im 21. Jahrhundert neu erschließen."

Auch die Präsidentin der Klosterkammer Hannover, Sigrid Maier-Knapp-Herbst, betont, dass Niedersachsen mit seinen 15 evangelischen Frauenklöstern und Stiften über einen einzigartigen Schatz in Europa verfügt. Maier-Knapp-Herbst, die die älteste Landesbehörde Niedersachsens leitet, räumt der Entwicklung der Klöster eine hohe Priorität ein: "Wir müssen zeitgemäße Formen für dieses einmalige Kapital finden." Mit Käßmann ist sie sich einig, dass die Klöster nicht zu Museen werden dürfen.

Museen waren die zwischen Elbe und Weser liegenden Klöster noch nie. Gegen den erbitterten Widerstand von Mönchen und Bischöfen setzten engagierte Frauen die Klöster zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert durch, erzählt Maier-Knapp-Herbst. Hier entwickelten sie im Mittelalter ihre geistigen und geistlichen Bedürfnisse. Es war ebenfalls eine Frau, die den Fortbestand auch über die Reformationszeit hinaus sicherte.

Die junge Herzogin und Witwe Elisabeth von Calenberg-Göttingen (1510-1558) regierte das Herzogtum fünf Jahre lang für ihren minderjährigen Sohn Erich II. Sie wandelte die Klöster 1542 in evangelische Damenstifte für die Töchter des Adels und höheren Bürgertums um und stellte das Vermögen unter staatliche Aufsicht. Damit legte sie auch den Grundstock für die Klosterkammer, die einen Besitz betreut, der fast so groß ist wie das Land Bremen.

"Nur in den Damenstiften konnten die unverheirateten höheren Töchter Jahrhunderte lang eigenständig und standesgemäß leben - unabhängig von Vätern und Brüdern", sagt Maier-Knapp-Herbst. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Stifte Fluchtburgen für verarmte adelige Flüchtlinge aus dem Osten und oft Ruhesitze für allein lebende ältere Damen, die eine Aufgabe und zugleich Anbindung an eine christliche Gemeinschaft suchten.

Inzwischen stehen jedoch einige der Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen in den prächtigen Gebäuden leer. Maier-Knapp-Herbst setzt deshalb auf eine neue Generation: "Es könnte für heutige ungebundene Frauen wieder attraktiv werden, in einer Gemeinschaft zu leben, die in der Tradition der mittelalterlichen Frauenkonvente steht und zugleich der Welt offen zugewandt ist."

Sie kann sich für die 15 Konvente Frauen vorstellen, die berufstätig oder allein erziehend mit Kindern sind. Bischöfin Käßmann hat ihre ganz eigenen Visionen: "Die Klöster könnten auch ein Ort sein, an dem arbeitslose junge Frauen leben und eine Ausbildung erhalten. Frauen könnten hier nach einer Haftstrafe wieder Fuß fassen oder Ältere eine Wohngemeinschaft bilden."

Den Anfang wagt jetzt Gabriele Siemers im Kloster Wennigsen. Die Äbtissin will einen Frauenkonvent gründen, der eng mit dem christlich geprägten geistlichen Zentrum Via Cordis ("Weg des Herzens") verknüpft wird. Seit drei Jahren bietet das fünfköpfige Via-Cordis-Team Einkehrzeiten im Kloster an. "Inzwischen kommen Menschen aus ganz Deutschland, die nach einer meditativen Praxis und einem spirituellen Weg suchen", sagt Siemers, die dem Team angehört. Viele wünschten sich eine Begleitung in Lebenskrisen.

"Der Konvent soll die Meditations-Arbeit mitgestalten und mittragen", so Siemers. Sie möchte fünf Frauen im Alter von 35 Jahren an gewinnen.
Eine Berufstätigkeit sei dabei ein möglicher Bezugspunkt nach draußen: "Das kann zum Beispiel eine Lehrerin mit halber Stelle sein, die im Kloster mietfrei wohnt." Einige Vorgaben macht Siemers jedoch: "Die Frauen müssen auf eine Partnerschaft verzichten und vor allem Lust haben, etwas aufzubauen. Einsatzvermögen und Kreativität sind willkommen."

In den nächsten Jahren soll jedes Frauenkloster ein eigenes Profil ausbilden, das spirituell, kulturell oder sozial geprägt ist, wünschen sich Käßmann und Maier-Knapp-Herbst. "Wir stehen vor einer riesigen neuen Herausforderung", sagt die Präsidentin der Klosterkammer. Und die Bischöfin fügt hinzu: "Mitten in unserer lauten Welt brauchen wir diese Oasen der Ruhe. Diesen Schatz wollen wir sorgsam hegen und pflegen." (epd Niedersachsen-Bremen/b2970/19.09.05)

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen