Diakonie-Präsident bezieht Position zu sogenannten "Ehrenmorden"

Nachricht 16. September 2005

Berlin, den 16. September 2005. "Wir können es nicht dulden, dass auf deutschem Boden junge ausländische Frauen hingerichtet werden, weil sie ihre eigenen Vorstellungen vom Leben haben. Solche Formen der Familienjustiz haben in einem aufgeklärten Rechtsstaat nichts zu suchen." Dies sagt Dr. h.c. Jürgen Gohde, Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, anläßlich des zu Beginn der Woche in Berlin aufgenommenen Prozesses im Zusammenhang mit einem am 7. Februar verübten Mord an einer 23-jährigen Türkin. "Ehrenmorde" widersprächen nicht nur massiv dem Grundkonsens in unserer Gesellschaft. Sie konterkarierten zugleich jegliche Integrationsbemühungen von deutscher Seite her, mahnt Gohde.

Es müsse klar sein, so der Diakonie-Präsident, dass "wer in einem demokratischen Rechtsstaat sein neues Zuhause gefunden hat, sich auch an die dort geltenden Rechtsbestimmungen zu halten hat." Gesellschaftliches Miteinander gelinge dann, wenn "alle sich bemühen, einander wechselweise an den positiven Errungenschaften ihrer jeweiligen Kultur teilhaben zu lassen und aneinander und miteinander zu wachsen". Diakonie spreche sich seit langem entschieden dafür aus, "alles für eine möglichst umfassende Integration von Flüchtlingen und Migranten zu unternehmen." Sprachkurse, Kurse, die Zugewanderten besseres Verstehen der deutschen Kultur ermöglichten, umfassende Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche gehörten dazu. Zugleich aber, so macht der Diakonie-Chef deutlich, "wollen wir die geltenden Menschenrechte in unserem Lande gewahrt sehen". Dazu gehört auch, "dass jungen Mädchen, die hier geboren und aufgewachsen sind, ein Recht auf persönliche Entfaltung und Lebensgestaltung zugestanden" werden sollte. Dies sei ihr unverbrüchliches Recht und jegliche Form der Gewaltanwendung gegen Frauen aus kulturellen Gründen sei abzulehnen.

Allein in Berlin hat es im Zeitraum von sechs Monaten 2004/2005 sechs sogenannte Ehrenmorde an jungen Frauen gegeben. Hintergrund ist zumeist, dass männliche Familienmitglieder an deutsche Verhältnisse angepasste Lebensweise ihrer Schwestern, Töchter oder Nichten nicht akzeptieren. Die 23-jährige Deutsch- Türkin Hatun S., Mutter eines sechsjährigen Sohnes, war im Februar von ihrem jüngeren Bruder erschossen worden, weil sie sich dazu bekannte, "wie eine Deutsche leben" zu wollen.

Frauen ausländischer Herkunft, die in ihren Familien Gewalt erleben oder sich bedroht fühlen, können in Deutschland in zahlreichen Einrichtungen Schutz und Hilfe finden. Die Diakonie allein bietet ihnen (wie auch deutschen Frauen) in 34 Frauenhäusern Zuflucht. Dazu kommen zahlreiche Mädchenhäuser und Schutzwohnungen für Frauen. Vier psychosoziale Zentren in diakonischer Trägerschaft und diverse Flüchtlingsberatungsstellen bieten Beratungsdienste für Migrantinnen. In Berlin- Spandau ist das Projekt "Hinbun" offen speziell für kurdische Frauen in Not, und das Projekt Al-Dar in Schöneberg hilft arabischen Frauen. Beide befinden sich in kirchlicher oder Diakonischer Trägerschaft.

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Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e.V.
Barbara-Maria Vahl
Pressesprecherin
Internet: www.diakonie.de
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