Landesbischöfin gesteht Versäumnisse während NS-Zeit ein

Nachricht 15. September 2005

Hannover/Stade (epd). Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hat sich für die Versäumnisse der Kirche im Fall des von den Nazis gedemütigten Stader Pastors Johann Gerhard Behrens entschuldigt. Als es dringend notwendig gewesen wäre und auch später habe sich die Landeskirche "nicht öffentlich vor Pastor Behrens gestellt", sagte Käßmann am Donnerstag dem epd. Ähnlich hatte sich die Bischöfin schon am Mittwoch vor dem Generalkonvent des Sprengels Stade geäußert.

Behrens hatte sich im Nationalsozialismus öffentlich gegen den Antisemitismus gewandt und die NS-Zeitung "Der Stürmer" als "Schmutzblatt" bezeichnet. SS- und SA-Schergen hängten ihm daraufhin am 16. September 1935 ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin ein Judenknecht" um den Hals und trieben ihn durch Stader Straßen, bis der damalige Regierungspräsident Leister die Menge zerstreute und den Pastor unter seinem Schutz nach Hause geleitete.

Nach der Hatz beurlaubte das Landeskirchenamt den Theologen und versetzte ihn schließlich in das ostfriesische Detern. Bis heute gab es von der Kirchenleitung keine offizielle Rehabilitation. Das neugebaute Zentrum der Stader Innenstadt-Gemeinden erhielt 1981 gegen Widerstände den Namen "Pastor-Behrens-Haus". Behrens starb im März 1979 im Alter von fast 90 Jahren in Warsingsfehn/Ostfriesland.

Der Stader Superintendent Rudolf Rengstorf und Gemeindepastor Peter Golon organisieren an diesem Freitag 70 Jahre nach dem Vorfall einen "Gedenkgang" auf der Leidensroute von Behrens. Die Landeskirche habe Schuld auf sich geladen, sagte Käßmann. Das gelte gegenüber Pastor Behrens "und insgesamt wohl noch in stärkerem Maße gegenüber den Menschen jüdischen Glaubens und den Christen jüdischer Herkunft".

Dieses Versagen könne sie nicht ungeschehen machen, betonte die Bischöfin. "Aber wir können diese Schuld eingestehen vor den Menschen und Gott um Vergebung bitten. Vor allen Dingen sollten wir für unsere Zeit daraus lernen und uns heute schützend vor alle stellen, die in ihrer Menschenwürde verletzt werden." Der Gedenkgang beginnt um 19 Uhr an der Luthereiche/Bahnhofstraße und endet mit einer Andacht in der Stader St.-Wilhadi-Kirche. (epd Niedersachsen-Bremen/b2942/15.09.05)
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