Diakonie-Präsident: „Das Thema Pflege gehört ganz oben auf die Agenda“

Nachricht 08. September 2005

Berlin, den 6. September 2005. Aktuellen Hochrechnungen des statistischen Bundesamtes zufolge wird im Jahr 2050 die Hälfte der Bevölkerung älter als 48 Jahre sein und ein Drittel 60 Jahre oder älter. Die mittlere Lebenserwartung könnte dann bei 86 Jahren liegen. Steigende Lebenserwartung im Zusammenspiel mit auf niedrigem Niveau stagnierenden Geburtenraten – „dies wird gravierende Auswirkungen auf das Gesundheits- und Rentensystem haben, auf die wir uns nicht schnell genug einstellen können, wenn wir nicht die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft hochgradig gefährden wollen“, so der Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, Dr. h. c. Jürgen Gohde, in Berlin.
Dabei werde das Bild unserer Gesellschaft nicht von schwerpflegebedürftigen Menschen geprägt sein. „Wir gehen auf eine Zeit aktiven Alterns zu, in der viele Menschen ihre Erfahrung und ihre Möglichkeiten nutzen und auch einbringen wollen“, so Gohde.
Hierin lägen große Chancen für das Zusammenleben der Generationen. „Altsein darf nicht mit Pflegebedürftigkeit gleichgesetzt werden.“

Gohde spricht sich deutlich dagegen aus, etwa ein „Horrorszenario einer verwirrten, vergreisten Generation“ zu zeichnen. „Dennoch gehört das Thema Pflege ganz oben auf die Agenda, und es müssen auf schnellstem Wege klare, tragfähige Lösungen auf den Tisch!“, so der Diakonie-Präsident. Diese Lösungen müssten berücksichtigen, dass trotz eines Anstiegs der Zahl der Pflegebedürftigen die Leistungen der Pflegeversicherung seit 1995 unverändert geblieben sind. Allein im Bereich der Personalkosten aber hat es seither erhebliche Steigerungen gegeben.

Der Diakonie-Chef fordert den Aufbau vernetzter Hilfesysteme im nachbarschaftlichen Umfeld. „Wir müssen Prävention und Rehabilitation stärken und Angehörigen, nachbarschaftlichen und freiwilligen Pflegenden den Rücken stärken. Sie werden mit ambulanten, teilstationären und stationären Leistungsangeboten sinnvoll zusammenwirken müssen. Pflegebedürftige sollen wählen können, wo und wie sie leben wollen. Wer aber stationäre Pflege braucht, soll sich auf ein qualitativ gutes Angebot verlassen können.“ Alle Versorgungsformen seien so auszugestalten, dass sie den unterschiedlichen Bedarfslagen der Betroffenen gerecht werden und verfügbar sind.
Prävention wie auch geriatrische Rehabilitation sollten künftig eine größere Bedeutung erhalten als bisher, da sie Pflegebedürftigkeit vermeiden, hinausschieben oder abmildern können und auch die Lebensqualität älterer Menschen steigern. Zur Steigerung der Lebensqualität tragen auch hauswirtschaftliche Hilfen bei, die nicht nur bei den täglichen Erledigungen helfen, sondern auch Zeit für menschliche Zuwendung mitbringen.

Zugleich müssten auch die pflegenden Angehörigen immer mit im Blick bleiben. „Dies sind in der großen Mehrheit Frauen mittleren Alters, die vielfach Doppel- und Dreifachbelastungen tragen, die oft über ihre Kräfte hinausgehen“, mahnt der Diakonie-Präsident. Sie brauchen Beratung, Entlastung und Anerkennung. Darüber hinaus plädiert Gohde eindringlich für eine Anhebung der Leistungen in der ambulanten Pflege, da sonst qualitätsvolle und eigenständigkeitssichernde Pflege in der eigenen Häuslichkeit kaum über längere Zeiträume hinweg zu gewährleisten sei.

„Wir werden weiter an der Qualität der Pflege arbeiten und dabei die Rahmenbedingungen für die Pflegenden im Auge haben“, so Gohde. Sie verdienten jegliche Anerkennung. Im Hinblick darauf, „dass immer mehr Menschen im Alter allein leben“ und auf verkürzte Verweilzeiten bei Krankenhausaufenthalten sei darauf hinzuwirken, dass der ambulante Sektor zukünftig verstärkt die spezifischen Versorgungsbedarfe alter Menschen abdecken könne und entsprechend ausgebaut werde. Die stationäre Pflege werde dennoch weiterhin unverzichtbar bleiben.
Zugleich hob der Diakonie-Präsident hervor, „dass diakonische Träger und Einrichtungen über ein hohes fachspezifisches Innovationspotential zur Weiterentwicklung von Wohn- und Versorgungsformen für pflegebedürftige Menschen verfügen“. Überflüssige bürokratische Regelungen gelte es abzubauen.

Der Respekt vor dem Leben auch eines verwirrten Menschen gebietet, ihn nicht einsam und ohne Liebe sterben zu lassen, so die Überzeugung in der Diakonie. Menschen in der letzten Phase ihres Lebens warten auf Besuch und Seelsorge, auf menschliche Zuwendung und Wärme. Aus den eigenen sehr positiven Erfahrungen innerhalb der Diakonie mit ambulanten Hospizdiensten und stationären Hospizeinrichtungen „erwächst unsere Forderung, psychosoziale Begleitung Sterbender in den Leistungskatalog der Pflegeversicherung aufzunehmen“, so Gohde. Auch der „verrichtungsbezogene Pflegebedürftigkeitsbegriff“ des SGB XI müsse weiter gefasst werden. Er sollte um die Bereiche Kommunikation, psychosoziale Betreuung, Anleitung und allgemeine Begleitung erweitert werden, fordert Gohde. Menschen mit Demenz und anderen geronto-psychiatrischen Erkrankungen brauchten bedarfsgerechte Unterstützung.

Die Achtung gegenüber pflegebedürftigen Menschen und das Vertrauen in Kinder gehörten zusammen. „Die Absicherung des Risikos der Pflegebedürftigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch in Zukunft solidarisch getragen werden muss. Eine alleinige Verlagerung des genannten Risikos in den Bereich der Eigenvorsorge oder in die Sozialhilfe lehnen wir ab“, so der Diakonie-Präsident.

Barbara-Maria Vahl
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