Landesbischöfin: Trennungen der Reformation bestehen fort / Interview im Wortlaut

Nachricht 23. August 2005

G e n f (idea) – Ohne Neid schaut die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann auf den katholischen Weltjugendtag mit bis zu einer Million Teilnehmern in Köln zurück. Allerdings sind für sie dort auch die grundlegenden Trennungen der Reformation zwischen den evangelischen und der römisch-katholischen Kirche wieder deutlich zutage getreten. Unbehagen habe bei ihr die starke Konzentration auf den Papst ausgelöst, sagte die Bischöfin in einem idea-Interview aus Genf. Evangelische Kirchentage wie das Großtreffen Ende Mai in Hannover seien stärker davon geprägt, „daß jeder Christ mitdenken muß“. Als besonders problematisch bezeichnete Frau Käßmann den Ablaß der Sündenstrafen, den Papst Benedikt XVI. den Teilnehmern des Weltjugendtages versprochen hat. Nach reformatorischem Verständnis könnten Menschen nicht von Sünden freisprechen; hier sei man ganz auf die Gnade Gottes angewiesen. Frau Käßmann hätte es sich gewünscht, daß bei der ökumenischen Begegnung mit dem Papst mehr Frauen und Laien dabeigewesen wären, weil dies dem evangelischen Kirchenverständnis eher entspreche als die Fixierung der Kirchenleitung auf das Bischofsamt. Auch die Spannungen auf kirchenleitender Ebene habe der Weltjugendtag nicht gelöst. Insgesamt sei „sehr klar geworden, daß die grundsätzlichen Trennungen der Reformation eben doch in vielem weiterbestehen, auch wenn wir uns weiter ökumenisch engagieren wollen, weil das ein biblischer Auftrag ist“.

Über das beim Weltjugendtag zutage getretene Interesse an Religion könnten sich Protestanten nur mitfreuen. Es komme jetzt darauf an, die diffuse religiöse Sehnsucht zu einem persönlichen Glauben an Jesus Christus zu führen. Hier biete sich eine große Chance, denn die junge Generation frage offensichtlich anders als die Elterngeneration wieder nach den Wurzeln und Quellen des Lebens. (22.08.05/15:00)

Das Interview im Wortlaut:

Der Weltjugendtag konnte den Eindruck erwecken, als ob es fast nur noch die katholische Kirche gibt. Anders sieht das eine profilierte Protestantin. Mit der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann, die auch dem Rat der EKD angehört, sprach idea-Redakteur Wolfgang Polzer.

idea: Der Papst und die katholische Kirche haben in den vergangenen Tagen das Tagesgespräch bestimmt. Was hat die evangelische Kirche dem entgegenzusetzen?

Käßmann: Ich bin da gar nicht neiderfüllt. Wir sind Kirche in einer anderen Form; wir sind nicht derart fixiert auf eine Person. Bei mir hat es eher Unbehagen ausgelöst, wie stark das alles auf den Papst konzentriert ist. Protestantische Großereignisse wie der Deutsche Evangelische Kirchentag, den wir Ende Mai in Hannover erlebt haben, sind wesentlich stärker davon geprägt, daß jeder Christ mitdenken muß, inhaltlich beteiligt ist. Hinzu kommt, daß der Papst allen Weltjugendtagsteilnehmern den Ablaß ihrer Sündenstrafen versprochen hat. Das ist für ein reformatorisches Gemüt besonders problematisch.

idea: Müssen die evangelischen Kirchen darüber mit „Rom“ noch einmal sprechen?

Käßmann: Wir müssen noch einmal ganz klar machen, daß unser Verständnis ein sehr anderes ist, wie Luther es schon 1517 in seinen Thesen zum Ausdruck gebracht hat. Nicht Menschen können von Sünden freisprechen, sondern wir sind ganz auf die Gnade Gottes angewiesen.

idea: Nun ist beim Weltjugendtag noch stärker als bei evangelischen Kirchentagen ein starkes religiöses Interesse hervorgetreten. Wie sollte die evangelische Kirche darauf reagieren?

Käßmann: Über das Interesse können wir uns nur mitfreuen. Die gemeinsame Herausforderung für Katholiken und Protestanten ist, daß wir die diffuse religiöse Sehnsucht hinleiten zu persönlichem Glauben an Jesus Christus. Und auch hin zu einem konkreten Engagement im Alltag der Kirche, die ja nicht jeden Tag einen Weltjugendtag präsentieren kann. Es ist eine ganz große Chance, daß diese junge Generation offensichtlich anders als ihre Eltern wieder fragt: Wo habe ich Halt, wo finde ich Wurzeln, wo sind die Quellen des Lebens, und daß der christliche Glaube als Antwort nicht von vornherein ausscheidet, weil man meint, man wisse schon alles darüber, der sei von gestern. Das war bei der Elterngeneration oft so. Die frische Neugier der Jugendlichen stimmt hoffnungsvoll.
Kein Affront – aber ökumenische Spannungen

idea: Sie sind nicht zur ökumenischen Begegnung mit dem Papst in Köln eingeladen worden. Empfinden Sie das als Affront?

Käßmann: Nein, ein so kurzes und förmliches Treffen bringt doch keine Durchbrüche. Aber es zeugt von einer bestimmten Gewichtung, daß die Zahl der Eingeladenen aus der EKD und aus den orthodoxen Kirchen gleich groß war. Die EKD war unter anderen mit dem Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, und seinem Stellvertreter, Bischof Christoph Kähler, gut vertreten. Ich hätte mir aber gewünscht, daß mehr Frauen und auch mehr Laien dabei gewesen wären, weil das unserem evangelischen Verständnis mehr entspricht als ein auf das Bischofsamt fixiertes Kirchenleitungsverständnis.

idea: Sind die Chancen für die Ökumene mit der römisch-katholischen Kirche durch den Weltjugendtag besser oder schlechter geworden?

Käßmann: Die Erfahrungen auf der Ortsebene sind oft gut, auf der kirchenleitenden Ebene aber eher angespannt. Und diese Spannung hat sich durch den Weltjugendtag nicht gelöst. Uns Evangelischen ist doch noch einmal sehr klar geworden, daß die grundsätzlichen Trennungen der Reformation eben doch in vielem weiter bestehen, auch wenn wir uns weiter ökumenisch engagieren werden, weil das ein biblischer Auftrag ist.

idea: Vielen Dank für das Gespräch. (23.08.05/10:57)

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