Familienpolitik ist gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Nachricht 18. August 2005

Wolfgang Huber zum 7. Familienbericht

Die Frage nach einer familien- und kinderfreundlicheren Gestaltung unseres Landes zählt für den Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, zu den drängendsten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Sie betreffe Politik und Universitäten genauso wie die Wirtschaft. Der am heutigen Dienstag, den 16. August, in Berlin vorgestellte 7. Familienbericht verdiene vor diesem Hintergrund besondere Aufmerksamkeit, erklärte der Bischof. Es müsse zum Beispiel intensiv darüber nachgedacht werden, wie das Phänomen des "Lebensstaus" bei jungen Menschen entschärft werden könne. In der Familienphase erworbene Qualifikationen verdienten eine "neue Kultur der Anerkennung". Auch hinsichtlich des Armutsrisikos für Alleinerziehende sieht Wolfgang Huber "drängenden Handlungsbedarf". Zugleich sei es nötig, die Bereicherung und das Glück, die ein Leben mit Kindern mit sich bringt, als positive Vorbilder weiterzugeben.

Hannover, 16. August 2005
Pressestelle der EKD
Silke Fauzi

Die Erklärung im Wortlaut:

Erklärung des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Dr. Wolfgang Huber, zur Übergabe des 7. Familienberichts
am 16. August 2005

Zu den drängendsten Herausforderungen unserer Gesellschaft zählt die Frage, wie wir unser Land familien- und kinderfreundlicher gestalten können.

Der 7. Familienbericht, dessen Beratung durch den Deutschen Bundestag noch bevorsteht, verdient vor diesem Hintergrund besondere Aufmerksamkeit. Und zurecht betont der Bericht die Bedeutung von Familienpolitik als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie betrifft Politik und Universitäten genauso wie die Wirtschaft. Auch die Kirche ist sich ihrer familienpolitischen Verantwortung bewusst.

Der Bericht diskutiert die im europäischen Vergleich geringe Quote an Mehrkindfamilien und problematisiert den zögerlichen Wandel im Mutter- bzw. Vaterbild sowie die abnehmenden Möglichkeiten zu einem engen Miteinander der Generationen. Es ist nötig, intensiv der Frage nachzugehen, wie insbesondere das Phänomen des "Lebensstaus" entschärft werden kann. In einer Spanne weniger Jahre nach der Schulausbildung sehen sich junge Menschen vielfältigen Ansprüchen ausgesetzt: eine qualifizierte Berufsausbildung zu absolvieren, den Einstieg in eine Berufslaufbahn zu leisten, zugleich aber auch einen Lebenspartner zu finden und sich für eine Familie zu entscheiden, wenn zumeist der Berufsalltag vollen Einsatz fordert. Zudem ist eine neue Kultur der Anerkennung nötig: wenn Mütter und Väter eine Familienphase einlegen, erwerben sie dabei neue und andere Qualifikationen, die auch später in der Erwerbsarbeit genutzt werden können. Es bedarf dazu über rechtliche Regelungen hinaus offener Herzen bei Ausbildern, Professorinnen und Professoren und Verwaltungsmitarbeitenden, um auch schon in der ersten Ausbildungsphase nach der Schule Elternschaft zu erleichtern. Insbesondere Hochschulen, Unternehmen und Verwaltungen sind dazu aufgerufen, Bedingungen zu schaffen, die Studierende und junge Berufstätige dazu ermutigen, Eltern zu werden.

Besondere Beachtung schenkt der Bericht dem Armutsrisiko für Alleinerziehende. Hier gibt es drängenden Handlungsbedarf. Es ist aber auch nötig, in der öffentlichen Diskussion nicht allein problematische Lebenssituationen in Familien darzustellen, sondern viel mehr auch der Bereicherung, die ein Leben mit Kindern mit sich bringt, und dem Glück, das daraus in der Familie erwachsen kann, Raum zu geben und so positive Vorbilder weiterzugeben.

Die positiven Veränderungen vor Ort, die oft durch die lokalen Bündnisse für Familie - regelmäßig unter Beteiligung der Kirchen - erreicht worden sind, sind ein ermutigendes Signal. Dieses Engagement der evangelischen Kirche entbindet die Politik nicht von ihrer Verantwortung, ein flächendeckendes bedarfsgerechtes Angebot an Ganztagesbetreuung und Betreuungseinrichtungen auch für Unterdreijährige zu schaffen, Kinder so zu fördern, dass sie unabhängig von ihrer sozialen Herkunft ihr je eigenes Potential entfalten können und Menschen, die Familien- und Erziehungsarbeit übernehmen, mit einer eigenen Rentenbiographie zu versehen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hofft, dass die Vorschläge des Familienberichts intensiv und kontrovers öffentlich diskutiert werden. In vielen Fragen, etwa der Einführung eines Elterngeldes oder einer einheitlichen Familienkasse, sind aus kirchlicher Sicht verschiedene Lösungen denkbar, solange sie dazu beitragen, die Situation der Familien zu verbessern und Menschen die Entscheidung für Kinder zu erleichtern. Dazu zählt in jedem Fall die längst überfällige Beachtung der Nachhaltigkeit und damit der Konsequenzen heutiger Entscheidungen für kommende Generationen. Der öffentliche Schuldenberg etwa bürdet schon jetzt unseren Kindern und Kindeskindern kaum zu tragende Lasten auf. Daraus erwächst heutigen Entscheidungsträgern eine enorme Verantwortung für eine nachhaltige Reform der sozialen Sicherungssysteme.

Familien brauchen gute strukturelle Rahmenbedingungen für die umfassenden Leistungen der Fürsorge ("care"), die sie erbringen. Damit die Familie als Lebensform eine gute Zukunft hat, müssen gravierende finanzielle Benachteiligungen überwunden werden; die generativen Leistungen der Familien müssen auch in den sozialen Sicherungssystemen Berücksichtigung finden.

Unser Land steht vor wichtigen Weichenstellungen. Es ist die Aufgabe der Parteien, die sachlichen Alternativen zu formulieren, Vor- und Nachteile zu benennen und den Wählerinnen und Wählern dann die Entscheidung zu überlassen. Kaum ein Thema eignet sich dafür besser als die Familienpolitik, insbesondere in ihren Schnittbereichen zur Bildungs- und zur Sozialpolitik, als Zukunftsthema unserer Gesellschaft.