„Kein Mensch darf verloren gehen“ - Diakonie-Perspektiven

Nachricht 16. August 2005

Diakonie bietet Qualifizierung als Mittel gegen Arbeitslosigkeit

Berlin, 16.8.2005. „Solange der erste Arbeitsmarkt de facto keine verfügbaren Stellen bietet, solange können die Hartz-IV-Reformen nicht wirklich greifen“. Diese Auffassung vertritt der Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, Dr. h.c. Jürgen Gohde. Selbstwertgefühl und Selbstverständnis der Menschen definierten sich aber in unserer Gesellschaft in hohem Maße über sinnvolle Erwerbsarbeit. Viele Menschen litten sehr, weil sie – in den allermeisten Fällen ohne eigenes Verschulden – aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossen sind. Dabei spiele nicht nur die wachsende Armut eine Rolle, von der zumeist ganze Familien mitbetroffen seien. „Menschen benötigen eine Perspektive und das Gefühl, gebraucht zu werden“, so der Diakonie-Präsident.
Darüber hinaus befürchtet Gohde „eine Gefährdung unserer demokratischen Kultur“, wenn über längere Zeit hinweg ein großer Teil der Bürger vom Arbeitsprozess ausgeschlossen sei. „400.000 offene Stellen gegenüber 4,7 Millionen Arbeitslosen: das ist ein strukturelles Problem und keine konjunkturelle Frage!“

Die sogenannten Zusatzjobs führten bedauerlicherweise noch nicht zu „neuen Chancen im ersten Arbeitsmarkt“. Sie „bieten aber oftmals die Möglichkeit zusätzlicher Qualifizierung und tragen zu seelischer Stabilisierung bei, denn durch die tägliche Arbeit erhält das Leben wieder Struktur und neuen Sinn“. In jedem Fall seien größte Anstrengungen zur Umsetzung der Hartz-IV-Reformen unausweichlich. Hier werde die kommunale Ebene eine besondere Rolle zu spielen haben. Die derzeit größte gesellschaftliche Aufgabe liege in der Schaffung neuer sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze, so Gohde. Hier müssten die Initiativen zur Weiterentwicklung der Arbeitsmarktreform ansetzen. „Auch wir würden gern mehr Mitarbeitende einstellen, aber die Rahmenbedingungen in Pflege und Betreuung sind nicht entsprechend.“ Öffentliche Kostenträger zögen sich aus vielen Feldern zurück. „Wir machen unsere Hausaufgaben, indem wir die Arbeitsvertragsrichtlinien der Diakonie modernisieren.“

Diakonie arbeitet am Ziel einer solidarischen Gesellschaft. Sie hat bereits seit den 70er Jahren umfangreiche Erfahrungen in der Arbeit mit Langzeitarbeitslosen. Derzeit bietet sie über etwa 350 Träger mit insgesamt 600 Projekten Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen an. Es sind ungefähr 60.000 Jugendliche und Erwachsene pro Jahr, die hier Arbeit finden, ausgebildet werden, Schulabschlüsse nachholen können oder zusätzlich gefördert werden. Insbesondere jene, die sich selbst nicht helfen können, erfahren hier Unterstützung. Das Diakonische Werk bietet 40.000 Zusatzjobs in diakonischen Einrichtungen bundesweit.

Ein Beispiel: Seit Mai 2005 ist der 52-jährige GeraId Lawrenz „Begleiter“ in der Behindertenhilfe des Diakonissenhauses Berlin-Teltow-Lehnin. So nennt man hier die Kräfte in Arbeitsgelegenheiten, um zu unterstreichen, dass sie zusätzliche Tätigkeiten ausführen. Lawrenz ist gelernter Koch und zeigt behinderten Menschen, wie sie sich kleine Mahlzeiten selbst zubereiten können, er spielt mit ihnen Karten, begleitet sie auf Ausflügen. Für die Behinderten ist dieses Angebot etwas Besonderes, denn Lawrenz hat die Zeit, die den Hauptamtlichen oft fehlt. Lawrenz, seit acht Jahren arbeitslos, hat als Koch kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Der „Zusatzjob“ im Diakonissenhaus stärkt sein Selbstwertgefühl, so sagt er und zeige ihm neue berufliche Perspektiven auf. Er gehört zu den 23 Teilnehmern, die im Rahmen dieses Zusatzjob-Projektes eine Ausbildung zum Pflegehelfer machen werden. Gerade im Pflegebereich werden in den nächsten Jahren zunehmend mehr Arbeitskräfte benötigt.

Barbara-Maria Vahl
Pressesprecherin

Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche e.V.
Reichensteiner Weg 24
14195 Berlin-Dahlem
Telefon 030 - 83001 - 130
Fax 030 - 83001 - 135