Schwebende Kulturdenkmäler

Nachricht 08. August 2005

Votivschiffe in den Küstenkirchen zeugen von Macht und Dank

Von Dieter Sell (epd)

Stade (epd). Langsam streicht Gerhard Frankenstein mit feinem Schleifpapier über den elegant geschwungenen Rumpf der "Christiana". Unter den Händen des Restaurators wird das wurmstichige Modellschiff nach und nach wieder zum stolzen Schoner. Die "Christiana" ist eines der historischen Votivschiffe in den Küstenkirchen an Ost- und Nordsee. Als Gelübde- und Dankgaben hängen die kleinen Nachbildungen großer Schiffe von der Kirchendecke. Frankenstein bezeichnet sie deshalb auch als "schwebende Kulturdenkmäler".

Der Zweimaster aus dem 19. Jahrhundert stammt aus der evangelischen Kirche im Ostseebad Wustrow. Er hat mit der Zeit mächtig gelitten. Der Rumpf ist löchrig und teilweise mit Autospachtel geflickt, die beschädigte Takelage und andere Decksteile geben ein trauriges Bild ab. Frankenstein hat das Schiff auf seiner "Werft" in Stade bei Hamburg komplett auseinandergebaut und restauriert es nun Zentimeter für Zentimeter. "Man muss den Geist des Modells erfassen", erläutert der 79-Jährige. So verwendet der pensionierte Architekt nur Materialien, die es auch schon gab, als das Schiff entstand.

Über Jahrhunderte war es üblich, in den Kirchen Schiffe aufzuhängen. "Die Modelle an den deutschen Küsten zeugen in erster Linie von der sozialen Stellung ihrer Stifter", sagt der maritime Volkskundler und Kulturhistoriker Wolfgang Rudolph aus Schildow bei Berlin. Oft sei es "Prunk und Protz", der Kapitäne dazu gebracht habe, Modelle ihrer Schiffe den Kirchen zu überlassen. "Sie wollten allen vor Augen führen, dass sie mehr darstellen als die Bauern, die neben ihnen saßen."

Ursprünglich jedoch sind die Votivschiffe (votum: lateinisch für Gelübde) von Seeleuten gestiftet worden, wenn sie aus Sturm und Not gerettet wurden. Dieser katholische Brauch kommt laut Rudolph aus Mittelmeerländern wie Italien, Spanien und Portugal. "Da gibt es genügend Sturm - und der Glaube ist stark", ergänzt der Wissenschaftler.

Aber auch in Skandinavien, den Niederlanden und Frankreich gibt es mehr Votivschiffe als in Deutschland. "Modelle sind aus allen Regionen bekannt, in denen die Seefahrt eine bedeutende Rolle spielt", betont der Rostocker Volkskundler Wolfgang Steusloff. Um die wirtschaftliche Macht der Stifter zu unterstreichen, handelt es sich zumeist um stolze Modellschiffe mit repräsentativer Gallionsfigur.

Solch ein Prachtstück ist auch die "Vergatte (rpt. Vergatte) von Dierhagen", die Frankenstein neben dem Schoner gerade zur Überholung in Stade hat. Der mehr als einen Meter lange, etwas wurmstichige Rumpf des Dreimasters ist um 1810 entstanden und mit 34 hölzernen Kanonen bestückt. Am Bug prangt ein matter Gallions-Löwe, dem Frankenstein mit Blattgold den Glanz früherer Zeiten zurückgibt.

Wurmzerfressenes Zubehör wie Geschützrohre oder Decksaufbauten fertigt Frankenstein neu an, möglichst aus traditionellen Materialien wie Leinen und abgelagertem Holz. Auch seine Frau Ilse hilft mit. Bei der bereits Mitte 1999 ebenfalls für Wustrow restaurierten Fregatte "Deo Gloria" hat sie in mühevoller Arbeit mehr als tausend Knoten für die Sprossenleitern zu den Segeln geknüpft.

Nach der Wende entdeckte Frankenstein entlang der Ostseeküste viele Votivschiffe, "eines im erbarmungswürdigeren Zustand als das andere".
Seither restauriert der Pensionär die Schiffe und nimmt dafür keinen Cent. Er sieht seine Arbeit als "persönlichen Anteil am Aufbau Ost" und hofft, dass die prächtigen Schiffsmodelle viele Touristen in die Kirchen locken.

Untersuchungen verschiedener Historiker gehen von etwa 200 Modellen und Schiffs-Wetterfahnen in und auf den Kirchen an Nord- und Ostsee aus. Einige davon sind erst kürzlich entstanden. So schuf der Restaurator Jarg von Wackerode für die katholische St.-Peter-Kirche in Wilhelmshaven eine Gedenkstätte für den selbstlosen Einsatz der Seenotretter, die er als "helfende Hand Gottes" bezeichnet. "Gedenket Eurer Brüder zur See", steht auf einem Kreuz über dem Modell eines historischen Rettungsbootes.

Obwohl sich die Restaurateure bei ihrer Arbeit zumeist am ursprünglichen Zustand orientieren, ist doch in Details ihre jeweils eigene Handschrift erkennbar. So verlassen Frankensteins Schiffe oft mit geblähten Segeln die Werkstatt. "Einfach, weil es besser aussieht." Und im Masttopp hat der gläubige Christ drei kleine Flaggen gehisst. Sie verkünden nach dem internationalen Flaggen-Signalbuch eine Botschaft, die Frankenstein auf das Evangelium bezieht: "Kommen Sie näher heran! Ich habe wichtige Nachrichten für Sie!" (epd Niedersachsen-Bremen/b2623/08.08.05)
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