Sommerreise durch das Orgelparadies

Nachricht 29. Juli 2005

Zwischen Groningen und Hamburg locken weltberühmte Schätze

Von Dieter Sell (epd) =

Stade (epd). Wenn Martin Böcker improvisiert, stürmt die Sintflut als akustische Welle durch das Schiff der St.-Cosmae-Kirche in Stade.
Zuerst nur mit plätschernd-sanften Tönen, bald kräftiger und schließlich als tosende Urgewalt. Dann zieht der Kirchenmusiker alle Register auf der Barockorgel, die zu den schönsten Instrumenten dieser Art in Deutschland zählt. Die verträumte Fachwerkstadt Stade ist das Zentrum eines Orgelparadieses, das vom niederländischen Groningen entlang der Nordseeküste bis nach Hamburg reicht.

Allein im Elbe-Weser-Dreieck um Stade erklingen mehr als 80 Denkmalsorgeln aus fünf Jahrhunderten. "Ein weltweit einzigartiger Schatz", schwärmt Peter Golon, der seit Jahrzehnten die Orgel, die "Königin der Instrumente", spielt und erforscht. Dazu hat der evangelische Theologe und Geschäftsführer der "Orgelakademie Stade" an der Küste reichlich Gelegenheit. Denn wo sich heute Urlauber am Strand tummeln und vor dem Deich mächtige Containerschiffe vorbeiziehen, hatten in vergangenen Jahrhunderten große Orgelbaumeister ihre Werkstätten.

Männer wie Berendt Huß, Erasmus Bielfeldt, Georg Wilhelmy sowie Johann Hinrich und später Heinrich Röver begründeten den Glanz der Stader Orgelbaukunst. Doch den größten Namen unter ihnen erwarb sich Arp Schnitger (1648-1719). "Er war weltweit der bedeutendste Orgelbauer seiner Zeit", sagt der Bremer Musikwissenschaftler Harald Vogel. "Keiner baute bessere Orgeln als er. Ob in Deutschland oder in den Niederlanden, in Italien oder in Frankreich, in Japan, Australien, Süd- oder
Nordamerika: Überall gelten heute die Maßstäbe, die Arp Schnitger vor rund 300 Jahren gesetzt hat."

Schnitger erwies sich in seiner Kunst geradezu als Global Player. Instrumente aus seiner Werkstatt gingen nicht nur in die Hansestädte und die Herzogtümer des Nordens. Als preußischer Hoforgelbauer belieferte er auch Berlin, daneben England, Russland, Spanien, Portugal und sogar Brasilien. "Dabei verwendete er nur beste Materialien", erklärt Golon das Geheimnis der Qualität seiner 170 Instrumente, von denen viele bis heute mit ihrem Klang verzaubern. "Feines Zinn, gutes Leder und abgelagertes Holz ließen die Mechanik Jahrhunderte überdauern."

In der Cosmae-Kirche lieferte Schnitger als Schüler von Berendt Huß sein Gesellenstück ab. Kirchenmusiker Martin Böcker sieht diese Orgel als Organismus, dem der Luftstrom Leben einhaucht. Wenn Böcker den Wind durch die Pfeifen rauschen lässt, zwitschern die zentimeterkleinen Flötenregister wie Feldlerchen im Sommer. Die mächtigen Fünf-Meter-Pfeifen lassen Bauch und Holzempore vibrieren. Register wie das Krummhorn schnarren mit den anderen Klangfarben um die Wette. "Die ganze Brass-Band des Frühbarock", beschreibt Böcker den Hörgenuss.

Ein paar Schritte weiter in der Wilhadi-Kirche steht mit einer Bielfeldt-Orgel aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gleich das nächste historische Prunkstück. Und wer die Dörfer der Region besucht, braucht nicht lange nach weiteren Orgel-Schätzen zu suchen. Im Obstbaugebiet "Altes Land" nahe Hamburg haben Schnitger und andere Baumeister genauso ihre Spuren hinterlassen wie an der Unterweser oder in Ostfriesland.

So auch in Lüdingworth bei Cuxhaven: Die reichen Marschenhöfe haben sich hier von Schnitger in ihrem "Bauerndom" auf einem flutsicheren Kirchenhügel eine Orgel mit 2.200 Pfeifen aus edelstem Material bauen lassen. Die Tasten des Spieltisches sind teils mit Buchsbaum belegt, teils aus Ebenholz. "Heute hätte das Instrument 1,2 Millionen Euro gekostet", rechnet Golon den Wert der Investition um.

Professoren und Studenten aus aller Welt pilgern mittlerweile nach Norddeutschland, um in Meisterkursen und im Solo-Unterricht an Originalinstrumenten die Musik alter norddeutscher Meister wie Dietrich Buxtehude und Vincent Lübeck zu studieren. Der Orgeltourismus, mit Exkursionen per Bus und Schiff, boomt. Die Orgelakademie organisiert eigene Konzertreihen, die nächste beginnt am 3. September (www.orgelakademie.de).

Weiter westlich an der Küste in Weener und Groningen stehen Instrumente, auf denen sich bestens Werke von Johann Sebastian Bach spielen lassen. Eine besondere Perle findet sich im ostfriesischen Rysum, wo laut Golon die älteste Orgel nördlich der Alpen steht. Die frühesten Teile stammen aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Für den Orgelliebhaber verkörpern diese Schätze entlang der Küste den Klang des Nordens und den Charakter der Landschaft: "Mal herb, mal mit kerniger Mixtur, mal lieblich." (epd Niedersachsen-Bremen/b2553/28.07.05)

Tipps für Orgeltouristen an der Küste

Stade (epd). Wer eine Tour zu den schönsten Orgeln an der Küste plant, beginnt am besten in Stade bei Hamburg. Nirgendwo sonst in der Region stehen mit der Bielfeldt-Orgel in der St.-Wilhadi-Kirche und der Huß-/Schnitger-Orgel in der benachbarten St.-Cosmae-Kirche zwei historisch bedeutende Instrumente so nah beieinander. Das Fachwerkstädtchen ist auch Sitz der "Orgelakademie", die Konzertreihen und Orgelkurse veranstaltet sowie ein reiches Programm mit Büchern, CDs, Videos und DVDs zum Thema anbietet (www.orgelakademie.de).

Touristen auf Orgel-Entdeckertour werden aber auch auf dem Weg über malerische Straßen im Obstbaugebiet "Altes Land" (Steinkirchen, Mittelnkirchen, Neuenfelde) und auf der Strecke Richtung Cuxhaven fündig. Im Land Hadeln gibt es jedes Jahr die "Cadenberger Musik- und Orgeltage" (Info: 04777/288), in Lüdingworth, Altenbruch und Cappel stehen ausgesprochen hörens- und sehenswerte Instrumente.

In der St.-Petri-Kirche in Cuxhaven setzt die erst 1993 erbaute symphonische Woehl-Orgel einen interessanten Kontrast zu den historischen Instrumenten und ist am 3. September Schauplatz einer "internationalen Orgelnacht". Der Besuch in Deutschlands größtem Nordseeheilbad lässt sich gut verbinden mit einem Ausflug in den Nationalpark Wattenmeer oder Mußestunden im Strandkorb.

Mit der Orgelnacht beginnt auch die "15. Orgellandschaft zwischen Elbe und Weser". Die Konzertreihe unter dem Titel "Fantastische Orgelgedanken" (nähere Informationen: 04141/778385) ist ein Höhepunkt für Orgelliebhaber und stellt in vier Wochen 20 wertvolle Instrumente vor. Besonders bemerkenswert: Im monumentalen Dom von Verden bei Bremen gibt es gleich zwei große und eine kleinere Orgel.

Weitere Hinweise liefert der Kirchenführer "Orte der Besinnung", der über den Buchhandel (ISBN-Nr. 3-931879-29-1) oder beim Landschaftsverband Stade (Kontakt: 04141/46300) bestellt werden kann.
Informationen zu den interessantesten Instrumenten weiter westlich hat das "Organeum" in Weener (www.ostfriesischelandschaft.de, Telefon:
04951/912203). Das "Organeum" veranstaltet wie die Orgelakademie Konzerte und Orgelreisen. (epd Niedersachsen-Bremen/b2548/28.07.05)