Sparpakete und finanzielle Einschnitte

Nachricht 19. Juli 2005

Evangelische Kirchen reagieren auf Finanzmisere

Von Jürgen Prause (epd) =

Hannover/Frankfurt a.M. (epd). Die evangelischen Landeskirchen stehen vor drastischen finanziellen Einschnitten. Kirchenparlamente müssen über Sparpakete beraten, die weitreichende Konsequenzen für die kommenden Jahre haben werden. In Kirchenämtern und auf Synoden wird intensiv darüber diskutiert, welche kirchlichen Aufgaben noch bezahlbar sind. Wegen Geldmangels müssen Einrichtungen geschlossen werden. Der Sparkurs der Kirchen wird auch zu einem Personalabbau in erheblichem Umfang führen. Anders als früher werden auch betriebsbedingte Kündigungen in einigen Landeskirchen nicht mehr ausgeschlossen.

Grund der Finanzmisere sind sinkende Kirchensteuereinnahmen infolge der schwachen Konjunktur und rückläufiger Mitgliederzahlen. "Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir in Zukunft mit weniger Mitteln auskommen müssen", sagt Jens Peter Iven, Pressesprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland, der mit drei Millionen Mitgliedern zweitgrößten evangelischen Landeskirche.

Im vergangenen Jahr nahmen die 23 evangelischen Landeskirchen 3,7 Milliarden Euro Kirchensteuern nach rund vier Millionen Euro 2003 ein. Für 2005 rechnet der Leiter der Finanzabteilung des EKD-Kirchenamtes, Thomas Begrich, mit einem weiteren Minus von zwei bis drei Prozent. Davon seien die Landeskirchen unterschiedlich stark betroffen. Bei einer weiteren Senkung der Einkommensteuer sei mittelfristig ein weiterer Rückgang der Kirchensteuer zu erwarten.

Mit umfangreichen Sparmaßnahmen versuchen die Landeskirchen derzeit, Defizite in ihren Haushalten in den Griff zu bekommen. So strebt die hannoversche Landeskirche bis 2010 Einsparungen in Höhe von 81,5 Millionen Euro an. Ein Anfang Juli von der Landessynode auf den Weg gebrachtes Sparpaket sieht differenzierte Einschnitte vor, die im Durchschnitt 15 Prozent ausmachen. Im November soll die Synode der größten evangelischen Landeskirche mit 3,1 Millionen Mitgliedern über die Kürzungen entscheiden.

Auch traditionell wohlhabendere Landeskirchen bleiben von den Sparzwängen nicht verschont. So muss die Synode der württembergischen Kirche wegen rapide schrumpfender Kirchensteuern im Herbst über ein Sparpaket von 37 Millionen Euro für den Zeitraum 2006 bis 2009 entscheiden. Erst im vergangenen Jahr hatte das Kirchenparlament Einsparungen von 16 Millionen Euro beschlossen, die aber nicht ausreichen. Die bayerische Landeskirche hat bereits für die Jahre
2002 bis 2006 ein Sparprogramm mit einem Umfang von 90 Millionen Euro eingeleitet.

Auch in der rheinischen Kirche sind massive Einsparungen geplant. Auf rund 20 Prozent schätzt Pressesprecher Iven die Kürzungen bei Landeskirche und Gemeinden, die von 2006 bis 2012 umgesetzt werden sollen. Ein Strukturausschuss arbeitet derzeit an einem Sparkonzept, über das im Juni 2006 eine Sondersynode entscheiden soll. Beim Sparen gebe es keine "heiligen Kühe", sagt Iven. Es werde eine "echte Prioritätendiskussion" geführt. Alle Arbeitsbereiche der Kirche stünden auf dem Prüfstand.

Führende Kirchenvertreter weisen auf die einschneidenden Konsequenzen der Sparmaßnahmen hin, warnen aber zugleich vor Panikmache. "Das Licht wird in den Gemeinden nicht ausgehen", sagt der hannoversche Kirchenamtspräsident Eckhart von Vietinghoff. Klar sei aber auch:
"Wir können nicht mehr alles überall und auch nicht mehr alles mit Hauptamtlichen leisten", so Vietinghoff. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hält den Sparkurs für unerlässlich "Wir müssen nachfolgenden Generationen eine handlungsfähige Kirche hinterlassen", mahnt sie.

Angesichts der Finanznot warnte der Präsident des 30. Deutschen Evangelischen Kirchentags, Eckhard Nagel, die Kirchen jüngst davor, sich in Zukunft allein auf die Kirchensteuer zu verlassen. Wegen des Bevölkerungsrückgangs gerieten die Kirchen dann in einen Dauerprozess des Sparens, so der Mediziner. Deshalb müssten sie langfristig zusätzliche Einnahmequellen erschließen. Zugleich rief er dazu auf, kirchliche Angebote wie Kindergärten, Jugendbetreuung und Diakonie zu erhalten. Kirchenjurist Vietinghoff ist indes zuversichtlich, dass es trotz des Sparkurses auch in 15 Jahren noch ein "quicklebendiges" kirchliches Leben im Land geben werde.
(epd Niedersachsen-Bremen/b2478/19.07.05)
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