Eine Kirchengemeinde macht Zirkus

Nachricht 18. Juli 2005

Seiltanz vor dem Pfarrhaus -
Eine Kirchengemeinde macht Zirkus - und ganze Familien ziehen mit

Von Michael Grau (epd)

Hannover/Grömitz (epd). Vorsichtig setzt der achtjährige Tame auf dem Drahtseil einen Schritt vor den nächsten. "Keine Angst, ich halte dich", versichert die Betreuerin, als der Junge auf dem etwa einen Meter hohen Seil das Gleichgewicht zu verlieren droht. "Geh nicht in die Knie, steh lieber auf einem Bein und drück es durch, das ist sicherer!" Tame ist eines der jüngsten Mitglieder im Kinderzirkus "Giovanni", einem höchst erfolgreichen Projekt der evangelischen Johannes-der-Täufer-Gemeinde in Hannover.

Rund 50 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren werden jeden Freitag im Gemeindehaus oder im Pfarrgarten zu Artisten. Sie bauen Menschenpyramiden, tanzen auf dem Drahtseil oder spucken Feuer.
Mit fünf Zirkuswagen und einem eigenen Zelt sind sie jedes Jahr zu 20 bis 25 Auftritten unterwegs. "Wir spielen nicht nur Zirkus, wir sind ein Zirkus", sagt Pastor Bert Schwarz (63), der das Projekt im Stadtteil Wettbergen gegründet hat. Ihre Sommertournee führt die Artisten in diesen Ferien nach Grömitz an der Ostsee, wo sie am Strand ihr Zirkuszelt aufbauen.

Angefangen hat alles im Sommer 1984 mit einem Auftritt des Zirkus "Roncalli" in Hannover. Jugendliche aus der Gemeinde beschlossen damals, ein Kinderferienlager unter das Motto Zirkus zu stellen. Sie besuchten "Roncalli" in Hamburg und den Zirkus "Krone" in München. Die Begeisterung wuchs, und bald wurde aus dem Ferienlager ein richtiger Zirkus. 1988 übernahm Roncalli-Leiter Bernhard Paul die Patenschaft für "Giovanni". Bis heute gibt der Kinderzirkus Gastspiele im "Roncalli"-Zelt.

Die Kinder und Jugendlichen traten im Fernsehen auf, spielten im Hamburger Thalia-Theater, fuhren zu internationalen Festivals und heimsten Kulturpreise ein. Tourneen führten unter anderem nach Russland, Schweden und dreimal nach Italien. Zum Erfolg tragen neben den Kunststücken selbst entworfene fantasievolle Kostüme und Choreografien sowie eine eigene Zirkuskapelle bei.

Jan-Felix Kumkar (17) ist schon seit elf Jahren dabei. Er jongliert mit Bällen: Fünf beherrscht er schon so locker, dass er damit auftreten kann. Mit dem sechsten trainiert er. Schon früh hat ihn das Zirkus-Virus gepackt, erzählt er: "Ich habe geübt wie ein Verrückter."
Bis zu drei Stunden am Tag. Alles ließ er durch die Luft fliegen, selbst die Radiergummis in der Schule. Heute gibt er seine Tricks weiter und trainiert die jüngeren Jongleure.

Der Zirkus hat in der Gemeinde ungeahnte Kräfte freigesetzt. "Es kommen auch Kinder aus total kirchenfernen Familien zu uns", sagt Pastor Schwarz. Und auch die Eltern ziehen mit: Väter halten die Wagen und Zugmaschinen in Schuss, helfen beim Zeltaufbau oder kümmern sich um Licht- und Tontechnik. Mütter nähen die Kostüme. Der Arzt Dietrich Spellerberg macht seit 1992 mit. Wochenende um Wochenende opfert er für das Hobby seiner Tochter: "Ich tue es gern, denn die Kinder lernen Selbstbewusstsein und Engagement."

So wie Tame, der über das Drahtseil balanciert. Von den Großen im Kinderzirkus hat er gelernt: Wenn man sich bei seinen Schritten ganz auf das Ziel konzentriert, kommt man auch an. "Es ist gar nicht so schwer", sagt er später: "Man kann es schaffen." (Internet:
www.kinderzirkus-giovanni.de) (epd Niedersachsen-Bremen/b2391/15.07.05)

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen