Jubiläumsfeier zum "Loccumer Vertrag"

Nachricht 16. Juni 2005

Ein halbes Jahrhundert Partnerschaft von Land und Kirche

Von Ulrike Millhahn (epd)

Hannover/Loccum (epd). Die Kosten wurden gerecht geteilt, als das Land Niedersachsen und die fünf evangelischen Landeskirchen am Donnerstag rund 350 Gäste zu Kaffee und Kuchen in Kloster Loccum empfingen. Das geschah ganz im Sinn des "Loccumer Vertrags", in dem am 19. März 1955 das partnerschaftliche Miteinander von Land und Kirchen festgeschrieben wurde. Pragmatisch haben die Partner ebenfalls entschieden, den Festakt zum 50-jährigen Bestehen in den Juni zu verlegen, sagt der hannoversche Landeskirchenamts-Präsident Eckhart von Vietinghoff.

Für Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) markiert das Abkommen ein halbes Jahrhundert eines vertrauensvollen Miteinanders und gegenseitigen Verständnisses von Staat und Kirchen. Die Niedersachsen könnten stolz darauf sein, dass der Loccumer Vertrag zum Vorbild für eine Reihe von Staatskirchenverträgen in anderen Bundesländern wurde, sagt er.

Auch wenn die jüngeren Verträge vermutlich systematisch ausgereifter seien, bleibe der Geist immer gleich, bestätigt von Vietinghoff: "Der Staat erkennt die Autonomie der Kirche an, ihre eigenen Angelegenheiten selbst regeln zu können." Die Kirche akzeptiere, dass sie in einer freiheitlich staatlichen Ordnung lebe und sich nach deren Spielregeln zu bewegen habe. Das mache den Vertrag zu einem kooperativen Modell, das in seiner Leistungsfähigkeit immer wieder faszinierend sei.

Auch für den Braunschweiger Bischof Friedrich Weber ist wesentlich, dass Kirche und Staat voneinander unabhängig sind und doch partnerschaftlich aufeinander bezogen bleiben. Damit seien Lehren aus dem Missbrauch staatlicher Macht im "Dritten Reich" gezogen worden.

Der Oldenburger Bischof Peter Krug hält es für vernünftig und förderlich, wenn Kirche und Staat in geregelten Beziehungen dem Allgemeinwohl dienen: "Unbeschadet ihrer verschiedenen Aufträge sind beide auf den Menschen ausgerichtet", schreibt Krug als Vorsitzender der Konföderation evangelischer Kirchen Niedersachsen in der Festschrift "In Freiheit verbunden - 50 Jahre Loccumer Vertrag". Sie ist im Lutherischen Verlagshaus Hannover erschienen und kostet 22,90 Euro.

Der Vertrag, der im Kloster Loccum bei Nienburg unterzeichnet wurde, war zuvor vom Landtag in Hannover und den fünf Synoden der Landeskirchen Braunschweig, Hannover, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und der Evangelisch-reformierten Kirche mit großer Mehrheit verabschiedet worden. Dem Theologen und Historiker Jörg Ohlemacher zufolge kam er nur zustande, weil sich Kirche und Staat bemühten, "die gemeinsamen niedersächsischen Probleme auch gemeinsam zu lösen". (epd Niedersachsen-Bremen/b2097/16.06.05)

Vietinghoff: Loccumer Vertrag ist hochmodernes Abkommen

Hannover (epd). Der hannoversche Landeskirchenamts-Präsident Eckhart von Vietinghoff hat den vor 50 Jahren zwischen dem Land Niedersachsen und den evangelischen Kirchen geschlossenen Loccumer Vertrag als hochmodernes Abkommen bezeichnet. "Seine Grundauffassung ist, dass ein freier Staat eine freie Kirche anerkennt", sagte Vietinghoff in einem epd-Interview.

Deshalb sei der erste Staatskirchenvertrag nach dem Zweiten Weltkrieg zum Mustervertrag für andere Bundesländer geworden, auch noch nach der Wiedervereinigung, so der Landeskirchenamts-Präsident. Die Kirche bekenne sich in dem Vertrag zu ihrer Verantwortung, den gesellschaftlichen Alltag mitzugestalten. Geregelt werde das Verhältnis zwischen Land und Kirche in der Bildung, Kultur und im Sozialen. Rein juristisch habe es seit 1955 nie Probleme in der Auslegung der Bestimmungen gegeben.

Er sorge sich jedoch zunehmend um die Entwicklungen im Sozialbereich. Wenn alle sozialen Bezüge nur noch unter gewinnwirtschaftlichen Aspekten betrachtet würden, stehe das Menschenbild der Gesellschaft auf dem Spiel. Ein Beispiel dafür seien Pflegedienste, die mit oft wenig qualifizierten Mitarbeitern und minimalen Tarifen andere Anbieter unter Druck setzten: "Zeit für Seelsorge und Gespräche gibt es dann neben einer Satt- und Sauber-Pflege nicht mehr", betonte der Präsident.

Es müsse aber im Interesse des Staates liegen, die Kirche in ihren diakonischen Aufgaben zu unterstützen. Zur Verlässlichkeit der Kirche als Dienstleister trage auch die Kirchensteuer bei, die die Kirche zudem inhaltlich unabhängig mache: "Wir müssen nicht nach dem Mund der jeweils finanziell Leistungskräftigsten predigen." Ohne die Kirchensteuer wären viele diakonische Projekte wie die Arbeit der Gemeindeschwestern oder die Flüchtlingsberatung nie entstanden. Sie seien mit Kirchengeldern gestartet worden und hätten damit brennende menschliche Probleme zum öffentlichen Thema gemacht. (epd Niedersachsen-Bremen/b2099/16.06.05)


Das aktuelle Stichwort: Der Loccumer Vertrag

Loccum (epd). Der Loccumer Vertrag vom 19. März 1955 regelt die rechtlichen Beziehungen zwischen dem Land Niedersachsen und den fünf evangelischen Landeskirchen. In dem ersten Staatskirchenvertrag nach dem Zweiten Weltkrieg, unterzeichnet im Kloster Loccum bei Nienburg, verpflichten sich das Land und die Kirchen zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf der Grundlage der verfassungsmäßigen Trennung von Staat und Kirche.

Zentrale Inhalte sind das Recht zur freien Religionsausübung, die Anerkennung der Eigenständigkeit der Kirchen und erstmals in einem Staatskirchenvertrag der Auftrag der Kirchen, in der Öffentlichkeit zu wirken. Der Einzug der Kirchensteuern durch den Staat ist genauso festgeschrieben wie Einzelfragen in den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales.

Der Loccumer Vertrag wurde zum Mustervertrag für alle weiteren Staatskirchenverträge in Deutschland, auch noch nach der Wiedervereinigung. Inzwischen haben fast alle Bundesländer entsprechende Abkommen mit den 23 Mitgliedskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geschlossen. Nur in Berlin und Hamburg wird noch verhandelt. (epd Niedersachsen-Bremen/b2098/16.06.05)

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