Schröder: Forschung an embryonalen Stammzellen ausweiten - Kritik von CDU, Grünen und Kirchen

Nachricht 14. Juni 2005

Göttingen/Berlin (epd). Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat sich dafür ausgesprochen, die gesetzlichen Vorschriften für die Forschung mit embryonalen Stammzellen zu lockern. Die Bundesrepublik werde sich der internationalen Tendenz zur Liberalisierung dieser Forschung nicht entziehen können, sagte Schröder am Dienstag in der Universität Göttingen, wo er die Ehrendoktorwürde erhielt. Bei CDU, Grünen und Kirchen stießen seine Forderungen auf Ablehnung. Die FDP warf dem Kanzler vor, seine Position im Parlament nicht durchsetzen zu können.

"Deutschland darf in der Genforschung den Anschluss nicht verpassen", forderte Schröder: "Dann wären wir von der Mitsprache über die Nutzung und der Kontrolle der Verfahren ausgeschlossen." Den Ängsten und Bedenken aus christlichen oder ethischen Motiven stellte Schröder seine persönliche Überzeugung entgegen: Er halte es für den falschen Weg, sich den Chancen des wissenschaftlichen Fortschritts zu verschließen, nur weil es Risiken gebe. Solange es die Chance gebe, heute noch unheilbare Krankheiten zu bekämpfen, "haben wir die Pflicht, diese Forschung zu nutzen".

Deutschland habe sich mit seinem Stammzellgesetz auf die Seite der restriktiven Länder gestellt, so der Kanzler. Im Einstein-Jahr sei das zentrale Anliegen aber eine "Kultur der Forschung ohne Fesseln, aber nicht ohne Grenzen".

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Reinhard Loske, betonte, dass es mit den Grünen in der Biopolitik keinen Richtungswechsel geben werde. Der fraktionsübergreifende Kompromiss, den der Bundestag zur Stammzellforschung gefunden habe, sei ein hohes Gut.
"Wer daran rüttelt, sollte wissen, was er tut", so Loske.

Der Obmann der Unionsfraktion in der Ethik-Enquetekommission, Thomas Rachel, warf Schröder einen Kurswechsel in der Biopolitik vor. Schröder missachte, dass nicht wirtschaftliche, sondern ethische Gründe gegen das Klonen sprächen. Die ethische Bewertung der Embryonalforschung dürfe nicht von wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgen abhängig gemacht werden, sagte Rachel, der auch Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU ist.

Die forschungspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Ulrike Flach, nannte Schröder eine "traurige Figur". Seit langem betone er seine Forschungsfreundlichkeit, ohne Initiativen zu ergreifen. Auf das Stimmverhalten der SPD-Fraktion habe er keinen Einfluss.

Der Vizepräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland, Hermann Barth, sagte dem epd, der Regierungschef vernachlässige in seinem Plädoyer für eine "Forschung ohne Fesseln" die Frage, ob der Preis zur Erreichung hochrangiger Ziele wie Heilung auch ethisch vertretbar sei.
Auch wer die Bedenken der Kirchen gegen die Embryonenforschung nicht teile und sich für die Ethik des Heilens und Helfens stark mache, dürfe sich der Frage nach der ethischen Vertretbarkeit der eingesetzten Mittel nicht entziehen, betonte der Theologe. Barth gehört auch dem Nationalen Ethikrat an.

Der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, wies die Forderungen Schröders ebenfalls zurück. Bei der embryonalen Stammzellforschung stünden unverfügbare Grundwerte auf dem Spiel, die einer Abwägung nicht zugänglich seien. Dabei werde menschliches Leben instrumentalisiert.

In Deutschland dürfen nur für besonders hochwertige Forschungsprojekte embryonale Stammzellen importiert und verwendet werden, die im Ausland vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Die Stammzellisolierung aus Embryonen, die durch künstliche Befruchtung entstanden sind, ist in Deutschland verboten. (epd
Niedersachsen-Bremen/b2077/14.06.05)
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