Schub für das protestantische Selbstbewusstsein

Nachricht 29. Mai 2005

Evangelischer Kirchentag wurde nicht zur Wahlkampf-Bühne

Von Rainer Clos (epd)
Hannover (epd). Nach dem ersten Ökumenischen Kirchentag, der Berlin zur "Hauptstadt aller Gläubigen" machte, gab es die Befürchtung, die Attraktivität evangelischer Kirchentage werde darunter leiden. Doch der 30. Deutsche Evangelische Kirchentag, der am Sonntag in Hannover zu Ende ging, belehrte die Skeptiker eines Besseren: Mehr als 105.000 Dauergäste beteiligten sich am "Fest des Glaubens", wie die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann in ihrer Bilanz das Treffen beschrieb.

Auch die aktuelle Sorge, der Kirchentag werde angesichts des nahenden Urnengangs zur Wahlkampfbühne umfunktioniert, bewahrheitete sich keineswegs. Die Politiker, die angereist waren, um über die großen Zeitfragen Globalisierung und Generationengerechtigkeit zu diskutieren, erfuhren ehrliche und zugleich kritische Neugier.

Käßmann bescheinigte ihnen, sie seien miteinander ohne persönliche Diffamierung umgegangen. Und Kirchentagspräsident Eckhard Nagel empfahl Anregungen aus der Debattenkultur des Kirchentages für die anstehende Wahlschlacht mitzunehmen: "Gerade die Enttäuschung, die Menschen häufig mit Aussagen von Politikern vor und nach einer Wahl erleben, könnten wir uns damit nämlich ersparen."

Auf große Sympathie stießen in Hannover Bundespräsident Horst Köhler und seine Vorgänger Johannes Rau und Richard von Weizsäcker. "Die evangelische Kirche ist unsere spirituelle Heimat", bekannte Köhler für sich und seine Frau, was ihm sehr viel Beifall eintrug. Auch sein beharrliches Plädoyer für mehr Anstrengungen zur Armutsbekämpfung in Afrika kam bei der Kirchentagsgemeinde gut an. Enthoben dem Wettstreit um tagespolitische Vorteile ermutigte das Staatsoberhaupt die zumeist jugendlichen Besucher, nicht im Zukunftspessimismus zu verharren.

Durch die Vielfalt der Kirchentagsveranstaltungen unter dem Motto "Wenn dein Kind dich morgen fragt..." zog sich als roter Faden das offensiv demonstrierte Selbstbewusstsein des Protestantismus. Trotz rückläufiger Zahl der Kirchenmitglieder, schmerzlichen Strukturdebatten und Erosion der Finanzen gebe es keinen Grund zum Jammern, lautete die Botschaft. "Protestantismus wirkt wieder anziehend", so das Fazit des Kirchentagspräsidenten. Und Käßmann meinte, der Protestantismus habe auf dem Kirchentag sein Profil geschärft.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, erinnerte an die vielen Zeichen für eine Rückkehr des Religiösen. Für die Begegnung mit anderen Religionen und als Antwort auf den Traditionsabbruch müssten Gottesdienste und Glaubenswissen als "evangelische Markenzeichen" neu entdeckt werden. Gesellschaftliche Verantwortung der Christen und Vergewisserung im Glauben müssten Hand in Hand gehen.

Die Sehnsucht nach der Einheit der Christen lieferte eine weitere Grundmelodie für den Kirchentag. Dabei dominierte Harmonie, Gemeinsamkeiten wurden beschworen und ökumenische Fortschritte bei den trennenden Fragen wie Abensmahlsgemeinschaft und Amtsverständnis angemahnt. Das ökumenische Signal, das von Hannover ausgeht, weist weit in die Ferne. Für den nächsten Ökumenischen Kirchentag 2010 wurden die Weichen gestellt.

Wird dieser Rhythmus zur Tradition, kommt es 2017 zum dritten ökumenischen Treffen der evangelischen und katholischen Christen. Ein gutes Datum, findet Kirchentagspräsident Nagel. Bischof Huber sieht darin gar eine "List der Vernunft". Denn in Deutschland wird dann an die Reformation vor 500 Jahren erinnert. (epd Niedersachsen-Bremen/b1885/29.05.05)

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