Kraft und Energie durch Religion

Nachricht 27. Mai 2005

Neue Spiritualität auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover

Von Stephan Cezanne (epd)
Hannover (epd). "Lebe freundlich und strahle Gelassenheit aus" - nicht die Weisheit des Dalai Lama sondern die Lebenserfahrung von Jörg Zink (82) spricht aus diesem Zitat. Auf dem evangelischen Kirchentag in Hannover stellt der prominente protestantische Theologe und Seelsorger die Botschaft Jesu von der Gewaltlosigkeit und Achtsamkeit in neuen Worten vor. Dieses Beispiel belegt einen neuen Trend: Die Protestanten entdecken die Schätze ihres eigenen spirituellen Erbes.

Der Stolz der Evangelischen auf ihre eigene Glaubenstradition nimmt zu - auch wenn starke Einflüsse aus anderen Religionen oder der katholischen Schwesterkirche spürbar sind. Eine Zen-Meisterin sowie Kontemplations- und Achtsamkeitslehrer bieten im Zentrum Meditation den Einstieg in ein bewussteres Leben an. Viele schnuppern hinein. "Stille ist immer etwas, was wir im normalen Leben nie haben", so eine Kirchentagsbesucherin nach einem Aufenthalt im Raum der Stille.

Katholische Großmeister des spirituellen Lebens wie die Benediktinerpater Willigis Jäger und Anselm Grün sind in Hannover Stars wie auf den Protestantentreffen zuvor. Als Grün das Kinderlied "Weißt du, wie viel Sternlein stehen" anstimmt, singen mehrere hundert Zuhörer aus allen Altersschichten gerührt mit. Grün will die kindlichen Anteile wecken und die Menschen mit ihrem inneren "göttlichen Kind" in Berührung bringen. Gehe diese Verbindung verloren, warnt der gütig aussehende 60-Jährige mit dem weißen Vollbart, erstarrt man in Routine und verliert seine Kreativität.

Jürgen Fliege erfüllt in Hannover die Erwartungen sowohl von Kritikern als auch die seiner Fans. In der zu zwei Dritteln gefüllten Halle bürstet der evangelische TV-Pfarrer zwar sämtliche kirchliche Traditionen und Glaubensartikel gegen den Strich. Zugleich ruft er jedoch zu einer neuen Spiritualität auf. "Die Kirche von morgen ist eine tröstende und keine predigende Kirche", erklärt er unter anhaltendem Applaus. Die wirklichen Werte seien die spirituellen. Diese erkenne man daran, dass sie "den Tod überdauern".

Vor fehlgeleiteter Spiritualität warnte der evangelische Theologe Fulbert Steffensky. Die Suche nach neuen Visionen und scheinbaren mystischen Erfahrungen treibe viele Menschen aus der Realität. Spirituelle Erfahrung sei keine Selbsterfahrung, sondern eher Selbstvergessenheit. Steffensky ermutigt dazu, das "einfache Alphabet der Frömmigkeit" neu zu lernen. Dazu gehöre auch die Praxis des regelmäßigen Gebets. Christen seien hier nicht auf Konzepte anderer Religionen angewiesen, so Steffensky, der mit der Theologin Dorothee Sölle (1929-2003) verheiratet war.

Auf dem Kirchentag in Hannover bestärkt sich der Trend der vergangenen Jahre: Die Leute suchen nicht allein neue Formen des Gebetes und einen inneren Zugang zu Gott. Kontemplation soll auch neue Kraft und Energie für einen immer hektischer werdenden Alltag liefern. Das Zauberwort heißt Gelassenheit. Während Wellness-Angebote eher auf Aktivierung ausgerichtet sind, sei das Nicht-Tun ein Grundelement der Gelassenheit, so der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid im "Zentrum Glück". Schmid: "Den Aktivismus kennt das moderne Selbst zur Genüge, den Passivismus weniger, der aber ebenso einzuüben wäre." Wer sich öfter eine Auszeit nimmt, kommt Ausgebranntsein zuvor. (epd Niedersachsen-Bremen/b1728/27.05.05)


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