Globalisierung und Ökumene im Zentrum des Kirchentags

Nachricht 27. Mai 2005

Hannover (epd). Die negativen Folgen der Globalisierung und die Gemeinschaft der Kirchen haben am Freitag den evangelischen Kirchentag in Hannover beschäftigt. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hob die Verantwortung der Industriestaaten für die soziale Gestaltung der weltweiten Zusammenarbeit hervor. Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, setzte sich für eine Neubelebung der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland ein. Zum Stand der Ökumene erklärte der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, in der Frage eines gemeinsamen Abendmahls von Katholiken und Protestanten gebe es keine Annäherung.

Bundeskanzler Schröder forderte ein stärkeres entwicklungspolitisches Engagement der Industrienationen. Er werde sich beim Gipfel der acht führenden Industrienationen im Juli in Schottland für eine Erhöhung der Entwicklungshilfe einsetzen. Deutschland unterstütze die Bemühungen, die UN-Millenniumsziele zur Halbierung der weltweiten Armut zu erreichen, sagte Schröder vor rund 8.000 Menschen.

Die Nobelpreisträgerin und Umweltaktivistin Wangari Maathai warnte in einer Podiumsdiskussion mit dem Bundeskanzler vor der Verschwendung natürlicher Ressourcen. Zugleich unterstrich sie die Zusammengehörigkeit von Umweltschutz und Demokratie. Ohne eine gerechte Verteilung der Ressourcen sei eine friedliche Entwicklung nicht möglich.

EKD-Ratsvorsitzender Huber mahnte Verantwortungsbewusstsein in der Wirtschaft an. Zugleich wandte er sich gegen deren pauschale Verunglimpfung. Er fügte hinzu: "Es ärgert mich aber, wenn in großen Konzernen die Gewinnmarge als einziger Maßstab für den Erfolg angesehen wird." Der Berliner Bischof forderte eine Stärkung der sozialen Marktwirtschaft. Wirtschaftlicher Erfolg und sozialer Ausgleich müssten aufeinander bezogen sein.

In einer Podiumsdiskussion zum Stand der Ökumene lehnte Kardinal Lehmann ein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken zum gegenwärtigen Zeitpunkt ab. Nach seinen Worten hält auch die katholische Kirche am Ziel einer Abendmahlsgemeinschaft fest. Voraussetzung dafür sei allerdings die Kirchengemeinschaft. "Wenn wir zur eucharistischen Gastfreundschaft einladen und hinterher wieder in verschiedene Kirchen gehen, dann stimmt etwas nicht", sagte der Mainzer Bischof.

Der frühere Tübinger evangelische Theologieprofessor Eberhard Jüngel sagte dazu: "Unter dem Wort Gottes sind wir zusammen, aber am Tisch sind wir getrennt. Das darf nicht so bleiben." Jüngel äußerte die Hoffnung, dass Papst Benedikt XVI. die Ökumene weiter voranbringen werde. Demonstrative gemeinsame Abendmahlsfeiern lehnte er ab: "Das ist religiöser Kitsch."

Der vom Priesteramt suspendierte katholische Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl rief bei einer Veranstaltung am Rande des Kirchentags zu gemeinsamen Abendmahlsfeiern auf dem für 2010 geplanten Zweiten Ökumenischen Kirchentag auf. Die evangelische Kirche solle sich nichts vom Vatikan vorschreiben lassen und die Katholiken zum Abendmahl einladen, sagte der Saarbrücker Theologe dem epd. Hasenhüttl hatte am Rande des ersten Ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin die Eucharistie an Protestanten ausgeteilt und war daraufhin suspendiert worden. Der heutige Papst war maßgeblich an der Suspendierung beteiligt.

In einem Vortrag über Spiritualität und Mission stellte TV-Pfarrer Jürgen Fliege zentrale Inhalte des christlichen Glaubens in Frage. Im Mittelpunkt solle die Lebensbejahung Jesu stehen, sagte er. Christen könnten auch ohne die Lehre von seinem Opfertod für die Menschheit leben. Die Kirchen halten dieses Bekenntnis für unverzichtbar. Der Auftritt des evangelischen Theologen und Talk-Masters war im Vorfeld heftig umstritten. Fliege warf den Kirchen zudem vor, an den Bedürfnissen der Menschen vorbeizureden.

Zum Kirchentag, der noch bis Sonntag dauert, haben sich mehr als 105.000 Dauerteilnehmer angemeldet. (epd Niedersachsen-Bremen/b1740/27.05.05)

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