Evangelischer Kirchentag eröffnet

Nachricht 26. Mai 2005

Hannover (epd). Mit festlichen Gottesdiensten und einem bunten "Abend der Begegnung" hat am Mittwoch in Hannover der 30. Deutsche Evangelische Kirchentag begonnen. Bundespräsident Horst Köhler rief vor 35.000 Menschen auf dem Opernplatz dazu auf, das Leben nachfolgender Generationen nicht durch unvernünftiges wirtschaftliches und politisches Handeln zu erschweren. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mahnte, Ökologie und Ökonomie miteinander zu verbinden: "Die Basis für lebenswertes Leben ist die Bewahrung der Schöpfung."

Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann appellierte in ihrer mehrfach von Beifall unterbrochenen Predigt an die Menschen, die Verbindung zu Gott nicht zu verlieren. Sie bedauerte, dass immer weniger Deutsche Kinder bekommen wollten. "Wer nur Mobilität und Geld als Wert kennt, wem Egomanie und der DAX zum Götzen werden, in dessen Welt haben Kinder wahrhaftig keinen Platz." Das biblische Leitwort des bis Sonntag dauernden Kirchentages lautet "Wenn dein Kind dich morgen fragt...".

In seinem Grußwort bei der von Bläserchören untermalten Eröffnung unter wolkenlosem Himmel mahnte Bundespräsident Köhler, politische, ökonomische und technische Erkenntnisse der Gegenwart dürften nicht verabsolutiert werden. Die Globalisierung müsse "für alle Menschen ein menschenwürdiges Leben bringen". Bundeskanzler Schröder rief zu größerem sozialen Zusammenhalt und der Wahrung des inneren Friedens in Deutschland auf. Beides bestimme "unseren wirklichen Reichtum, nicht die Renditen irgendeines Unternehmens".

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) beklagte, Hoffnungslosigkeit sei das, "was die deutsche Stimmung dieser Zeit ausmacht". In der Predigt eines Eröffnungsgottesdienstes sagte er, gerade Christen sollten Mut schöpfen "aus der Befreiungs- und Rettungsgeschichte Gottes mit uns Menschen". Thierse gehört der katholischen Kirche an.

Kirchentagspräsident Eckhard Nagel bezeichnete vor der Presse den Kirchentag als ein Signal für mehr Zuversicht in Deutschland. Er hob vor allem die Bedeutung des Kirchentag-Leitworts hervor. "Dieser Satz aus dem 5. Buch Mose macht deutlich, wie wichtig es ist, seine Wurzeln zu kennen und die Gegenwart zu verstehen, um die Zukunft zu gestalten."

Da Spitzenvertreter der Bundesregierung und der Opposition sich auf dem Kirchentag angekündigt hätten, werde der bevorstehende Bundestagswahlkampf sicherlich eine Rolle spielen, so der Mediziner. Dabei erwarteten die Kirchentagsteilnehmer von den Politikern aber keine vereinfachenden, sondern differenzierte Diskussionsbeiträge.

Unter dem Motto "Lass leuchten" feierten am Abend rund 300.000 Menschen in der Innenstadt den traditionellen "Abend der Begegnung". 450 Gruppen aus der gastgebenden hannoverschen Landeskirche lockten die Besucher mit kulinarischen und kulturellen Angeboten. Bereits am Nachmittag hatte der Kirchentag erstmals der mehr als 200.000 Opfer der NS-Psychiatrie gedacht. Mehrere hundert Menschen nahmen an einer Gedenkstunde in der Aegidien-Ruine teil.

Zum Kirchentag, der zum vierten Mal in der niedersächsischen Landeshauptstadt stattfindet, haben sich nach Angaben von Organisationsleiter Tilman Henke 105.000 Dauerteilnehmer angemeldet. In den kommenden Tagen stehen mehr als 2.500 Veranstaltungen zu Fragen von Glauben, Ethik und Politik auf dem Programm. (epd Niedersachsen-Bremen/b1659/25.05.05)

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