Vietinghoff weist Kritik an Kirchensteuer scharf zurück / Weitere Reaktionen

Nachricht 19. Mai 2005

Hannover (epd). Der leitende hannoversche Kirchenjurist Eckhart von Vietinghoff hat die Kritik von Kirchentagspräsident Eckhard Nagel an der Kirchensteuer scharf zurückgewiesen. In einem Interview hatte sich Nagel am Mittwoch für die Abschaffung der Kirchensteuer ausgesprochen. Der Kirchentag verstehe sich als autonome Laienbewegung, sagte von Vietinghoff, der das Kirchenamt der größten evangelischen Landeskirche leitet, am Donnerstag auf epd-Anfrage: "Er sollte sich deshalb zu Themen, die nicht in seiner unmittelbaren Verantwortung liegen, nur dann äußern, wenn er auch sachkundig ist."

Es sei abwegig, sich vorzustellen, dass die ganze Breite der kirchlichen Arbeit durch Spenden finanziert werden könnte, sagte von Vietinghoff weiter. Als Beispiele nannte er die Suchtberatung und die Seelsorge in Strafanstalten. Für beide Bereiche würde es keine ausreichenden Spenden geben, betonte er.

Nagels Vorwurf, die Kirchensteuer sei für viele Menschen "intransparent" ist für von Vietinghoff nicht haltbar: "Wir arbeiten mit gläsernen Taschen, die Verwendung der Mittel kann jeder im Detail einsehen." Es wäre schön, wenn der Kirchentag genauso transparente Taschen hätte, fügte der Präsident hinzu. (epd Niedersachsen-Bremen/b1576/19.05.05)
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Kirchentags-Präsident für Alternativen zur Kirchensteuer

Berlin/Hannover (epd). Die Kirchen müssen Kirchentags-Präsident Eckhard Nagel zufolge langfristig Alternativen zur Kirchensteuer finden.
Wenn die Kirchensteuer die Haupteinnahmequelle bleibe, kämen die Kirchen angesichts der Bevölkerungsentwicklung in einen Dauerprozess des Sparens, sagte Nagel am Donnerstag dem epd in Berlin. Daher müssten neue Finanzierungswege gefunden werden. Führende Kirchenvertreter sprachen sich unterdessen strikt gegen eine Abschaffung der Kirchensteuer aus.

Die Kirchensteuereinnahmen der 23 evangelischen Landeskirchen waren im vergangenen Jahr um rund acht Prozent zurückgegangen. Sie verringerten sich von 3,99 Milliarden Euro auf 3,7 Milliarden Euro. Für
2005 rechnet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit einem weiteren Minus von zwei Prozent bei der Kirchensteuer. Diese stellt die Haupteinnahmequelle der Kirchen dar.

Der rheinische Präses Nikolaus Schneider erklärte, die Kirchensteuer sei ein bewährtes und zuverlässiges Instrument, das nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte. Zur Finanzsituation seiner Landeskirche mit rund drei Millionen Mitgliedern sagte Schneider, diese müsse in den kommenden vier Jahren zwanzig Prozent ihres Haushaltsvolumens einsparen, mindestens zehn Millionen Euro.

Der Thüringer Landesbischof und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Christoph Kähler sagte, die Kirchensteuer generell in Frage zu stellen, hätte "katastrophale Folgen" nicht nur für die Arbeit in den Gemeinden. Auch Großprojekte wie der Kirchentag würden in erheblichem Maß durch Kirchensteuermittel finanziert. Der Magdeburger Bischof Axel Noack reagierte auf den Vorschlag Nagels ebenfalls mit Ablehnung. Die staatlich erhobene Kirchensteuer sei "gut und richtig". Ebenso wie Kähler betonte er jedoch die Notwendigkeit, nach zusätzlichen Finanzierungsquellen zu suchen.

Auch der leitende hannoversche Kirchenjurist Eckhart von Vietinghoff wies die Äußerungen Nagels scharf zurück. Der Kirchentag als autonome Laienbewegung sollte sich "nur dann äußern, wenn er auch sachkundig ist", kritisierte Vietinghoff. Es sei abwegig, sich vorzustellen, dass die ganze Breite der kirchlichen Arbeit durch Spenden finanziert werden könnte. Für Bereiche wie etwa Suchtberatung oder Seelsorge in Strafanstalten würde es keine ausreichenden Spenden geben.

Der Mediziner Nagel hatte dafür plädierte, neue Finanzierungswege für die Kirchen zu finden. Stiftungsmodelle oder Direktzahlungen der Gemeindemitglieder, ein so genanntes Kirchgeld, seien Möglichkeiten, die Kirchen künftig zu finanzieren. Es sei wichtig, dass die Kirchen über diese Wege nachdächten und nicht nur über neue Einsparmöglichkeiten. Angebote wie Kindergärten, Jugendbetreuung und Diakonie müssten erhalten bleiben.

Die Kirchensteuer sei ein Erfolgsmodell gewesen, sagte Nagel. Doch in den kommenden 20 bis 30 Jahren müsse sie ergänzt werden. Zudem sei der Begriff Kirchensteuer irreführend, weil er einen Zwang suggeriere. Die Mitglieder zahlten jedoch freiwillig Kirchensteuer.

EKD-Finanzchef Thomas Begrich kündigte an, die Kirchen müssten angesichts des drastischen Sparzwangs über ihre künftigen Kernaufgaben nachdenken. "Das ist ein sehr schmerzlicher Prozess", sagte er dem epd. Begrich verwies darauf, dass die evangelischen Kirchen in den vergangenen 25 Jahren zum Beispiel ihr Angebot an Kindergartenplätzen um rund 50 Prozent erhöht haben. Auch in der Bildungs- und Sozialarbeit sowie der Entwicklungshilfe seinen zusätzliche Aufgaben übernommen worden. Dies sei nur durch vermehrte Einnahmen aus der Kirchensteuer möglich gewesen. (epd Niedersachsen-Bremen/b1580/19.05.05)
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