"Gerechtigkeit dient dem Leben"

Nachricht 13. Mai 2005

Pfingstbotschaft des Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber
Gerechtigkeit diene dem Leben, weil sie auf das Recht des anderen aufmerksam mache und damit der Verabsolutierung des eigenen Vorteils wehre, erklärt der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, in seiner diesjährigen Pfingstbotschaft. Die Erinnerung an diese Gerechtigkeit sei an der Zeit. "Es ist den Menschen in wirtschaftlicher Verantwortung – gerade auch im Mittelstand – zu danken, die im Geist einer solchen Gerechtigkeit Verantwortung wahrnehmen." Es gebe freilich auch diejenigen, denen die Suche nach Gerechtigkeit als eine "längst überholte Leitlinie des Handelns" gilt; sie müssten gefragt werden, vor welchem Maßstab sie ihr Handeln verantworten wollten.

Je unübersichtlicher die Möglichkeiten der Lebensgestaltung werden, desto größer würde die Sehnsucht nach Orientierung, so Huber. "Gottes Heiliger Geist gibt diese Orientierung." An Pfingsten erlebten die Christen das "Wunder der Begeisterung." Die Geburtsstunde der christlichen Kirche, die in der Apostelgeschichte berichtet wird, habe sich in Vielfalt und in Einheit vollzogen. Huber erinnerte an die "Verpflichtung, gemeinsam das Geschenk des Glaubens und die Lebenskraft des Evangeliums zu bezeugen." Evangelische Christen seien mit Christen anderer Konfessionen, in Deutschland insbesondere mit katholischen Christen, "in der Sehnsucht nach vertiefter Gemeinschaft" verbunden. "Miteinander vertrauen wir auf Christi Gebet, dass wir - in unserer Verschiedenheit - eins seien. Dieses Vertrauen nehmen wir auch voll Freude in dem Gebet Papst Benedikts XVI. wahr: „Hilf uns, Diener der Einheit zu sein.“ Dem gemeinsamen Zeugnis von Gottes lebensschaffenden Geist sei mehr Gewicht zu geben als dem, was die Kirchen trenne.

Hannover, 13. Mai 2005
Pressestelle der EKD
Silke Fauzi

Im Wortlaut:

Pfingstbotschaft von Bischof Wolfgang Huber,
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

„Der Geist ist Leben“ (Römer 8, 10)

Pfingsten ist ein durch und durch positives und kraftvolles Fest! Der Geist Gottes, dem dieses Fest gilt, verströmt Leben in Fülle. Die Natur ist ein aufblühendes und hervorbrechendes Zeichen solchen Lebens. Gottes Heiliger Geist gibt Gewissheit auf dem Weg des Glaubens. Er weist der Kirche den Weg. Er gibt den Unsicheren Orientierung. Er weitet den Blick über den Horizont des eigenen Lebens hinaus.

Vergewisserung auf dem Weg
Die Ausgießung des Heiligen Geistes ist die Geburtsstunde der christlichen Kirche. Die Menschen, die am Pfingsttag zusammenkamen, erlebten das Wunder der Begeisterung. Obwohl sie verschiedener Nationalität und Sprache waren, bewirkte Gottes Heiliger Geist in ihnen ein gegenseitiges Verstehen. Der Beginn des Lebens der christlichen Kirche vollzieht sich in Vielfalt und in Einheit.

Mit der alljährlichen Erinnerung an diesen ersten Schritt, der die christliche Kirche auf einen reichen und auch wechselvollen Weg geführt hat, verbindet sich die Verpflichtung, gemeinsam das Geschenk des Glaubens und die Lebenskraft des Evangeliums zu bezeugen. Evangelische Christen sind mit Christen anderer Konfession, in unserem Land insbesondere mit katholischen Christen, in der Sehnsucht nach vertiefter Gemeinschaft verbunden. Menschen, die in konfessionsverbindenden Familien leben, hoffen darauf, dass sie in beiden Kirchen, denen sie angehören, gemeinsam zum Tisch des Herrn gehen und das Heilige Abendmahl empfangen können.

Im Miteinander der reformatorischen Kirchen mit der römisch-katholischen Kirche sind viele gegenseitige Missverständnisse und auch wechselseitige Entstellungen überwunden worden. Miteinander vertrauen wir auf Christi Gebet, dass wir - in unserer Verschiedenheit - eins seien. Dieses Vertrauen nehmen wir auch voll Freude in dem Gebet Papst Benedikts XVI. wahr: „Hilf uns, Diener der Einheit zu sein.“

Unsere Anstrengungen sind darauf gerichtet, uns der Grundlagen unseres Glaubens und unseres Kircheseins immer tiefer bewusst zu werden, damit bleibende Unterschiede in wechselseitigem Respekt als Ausdrucksformen des gemeinsamen Glaubens wahrgenommen werden können. Dem gemeinsamen Zeugnis von Gottes lebensschaffendem Geist wollen wir mehr Gewicht geben als dem, was unsere Kirchen trennt. Diesem Ziel gilt unser Beten und unser Arbeiten.

Leben um der Gerechtigkeit willen
Das klare und eindeutige Zeugnis von Gottes Geist tut not. Unsere Zeit hält eine schier unüberblickbare Zahl von Möglichkeiten der Lebensgestaltung bereit. Viele Menschen sind durch diese Vielfalt verwirrt und werden zugleich von der Angst getrieben, sie könnten etwas versäumen. Mit der Unübersichtlichkeit der Lebensmöglichkeiten wächst zugleich die Sehnsucht nach Orientierung. Gottes Heiliger Geist gibt diese Orientierung. Er zeigt die Richtung für ein Leben nach Gottes Willen: „Der Geist ist Leben um der Gerechtigkeit willen.“ (Römer 8,10).

Gerechtigkeit ist das Gestaltungsprinzip Gottes in seiner Beziehung zu den Menschen. „Durch die Gerechtigkeit des Einen ist für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt.“ (Römer 5,18). Nach Gottes Willen prägt sie auch das Zusammenleben der Menschen. Denn Gottes Gerechtigkeit ist lebensschaffende Macht.
Gerechtigkeit dient dem Leben, weil sie auf das Recht des anderen aufmerksam macht und damit der Verabsolutierung des eigenen Vorteils wehrt.

Gerade heute ist die Erinnerung an diese Gerechtigkeit an der Zeit. Es ist den Menschen in wirtschaftlicher Verantwortung – gerade auch im Mittelstand – zu danken, die im Geist einer solchen Gerechtigkeit Verantwortung wahrnehmen. Es gibt freilich auch diejenigen, denen die Suche nach Gerechtigkeit als eine längst überholte Leitlinie des Handelns gilt; sie müssen gefragt werden, vor welchem Maßstab sie ihr Handeln verantworten wollen.

Gerechtigkeit eröffnet Leben, wo immer der Versuch unternommen wird, die Lage derer zu berücksichtigen, die in unserem Land auf Zeit oder auf Dauer Zuflucht gesucht haben. Wenn Familien im Rahmen von Altfallregelungen das Bleiben in Deutschland ermöglicht wird, statt durch Kettenduldungen eine fortgesetzte Unsicherheit zu erzeugen oder durch Abschiebung die Lebensperspektive zu gefährden, verdient das Dank – um der Gerechtigkeit willen.

Gerechtigkeit weitet den Blick über das eigene Leben hinaus. Sie meint mehr als einen finanziellen Ausgleich zwischen den heute lebenden Generationen. Bei der Gestaltung des eigenen Lebens sollen wir vielmehr auch das Leben der Kinder und Enkel im Blick haben. Leben aus Gottes Geist bedeutet, das eigene Leben dafür einzusetzen, dass auch den nach uns Kommenden Leben möglich ist. In vielen Familien geschieht das. Deshalb ist und bleibt die Familie ein Zukunftsmodell.

Freier Blick in die Zukunft
Gottes Geist gibt Orientierung. Er führt auf den Weg der Einheit in Vielfalt. Er stellt uns die Gerechtigkeit als Maßstab des Lebens vor Augen. „Gottes Geist ist Leben um der Gerechtigkeit willen.“

Herausgegeben
von der Pressestelle
der Evangelischen
Kirche in Deutschland (EKD)
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