"Niedersachsen sind nüchterne und verlässliche Leute"

Nachricht 12. Mai 2005

Kirchenamts-Präsident Eckhart von Vietinghoff im epd-Interview

Hannover (epd). Vom 25. bis 29. Mai empfängt Deutschlands größte evangelische Landeskirche zum vierten Mal den Deutschen Evangelischen Kirchentag. 3,09 Millionen Mitglieder in 1.383 Gemeinden zwischen Harz und Nordsee, Ems und Elbe gehören zur Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, die etwa drei Viertel Niedersachsens bedeckt. Der Jurist Eckhart von Vietinghoff steht seit 1984 als Präsident des Landeskirchenamtes an der Spitze der Kirchenverwaltung. Er kennt die Landeskirche wie kaum ein anderer. Michael Grau hat ihn anlässlich des Kirchentages befragt:

epd: Herr Präsident, was prägt die hannoversche Landeskirche? Gibt es so etwas wie ihr charakteristisches Profil?

Vietinghoff: Kirchliche Vielfalt prägt unsere Landeskirche, aber auf fester reformatorischer Basis. Soziologisch sind die mittleren Städte und der ländliche Raum typisch. So sind Menschennähe, Aufgabennähe, Realitätssinn die Leitbilder. Abgehobene Gedankenspiele finden bei uns dagegen wenig Publikum. Niedersachsen sind nüchterne und darum verlässliche Leute.

epd: Sie haben seit mehr als zwei Jahrzehnten die Entwicklungen in der Landeskirche an vorderster Stelle mitgestaltet. Was schätzen Sie persönlich an der Landeskirche?

Vietinghoff: Gerade weil unsere Landeskirche so unangestrengt in ihrer lutherischen Tradition verwurzelt ist, hat sie viel Mut zum Wagnis, zum Neuen. Das reicht vom ersten Kirchentag 1949 in Hannover bis zur Gründung der Hanns-Lilje-Stiftung 1989 oder dem Christus-Pavillon auf der Expo 2000. Wer weiß, wer er ist, hat eben weder Probleme mit Liberalität und Gelassenheit, noch mit den auch in der Kirche nötigen Kompromissen. Wohl auch deswegen hat sich unsere Landeskirche - immerhin die größte in Deutschland - seit jeher aktiv für die Stärkung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eingesetzt.

epd: Vor welchen zukünftigen Herausforderungen steht die Landeskirche?

Vietinghoff: Als - im westlichen Vergleich - schon immer finanzschwache Kirche haben wir nie vergessen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. So meinen wir, auf die harten Anpassungen - demografische Entwicklung, abnehmende finanzielle Kraft - vorbereitet zu sein. Aber zügig muss entschieden werden. 2010 muss der Haushalt wieder ausgeglichen sein. Das wird schwer, ist aber zu schaffen. Statt Besitzstandswahrung und Berufsgruppenlobbyismus sind jetzt Gemeinschaftsgeist, Phantasie und Risikobereitschaft gefragt. Das Evangelium macht Mut zur Zukunft. Unsere Kirche hat ihn, behält ihn, davon bin ich überzeugt. (epd Niedersachsen-Bremen/b1448/12.05.05)