Kirchentag gedenkt erstmals Opfer der NS-Psychiatrie

Nachricht 08. Mai 2005

Hannover (epd). Zum ersten Mal in seiner Geschichte will der Deutsche Evangelische Kirchentag Ende Mai in Hannover der mehr als 200.000 psychisch kranken Menschen gedenken, die in der NS-Zeit ermordet wurden. "Es ist eine Opfergruppe, über die wir oft nur wenig wissen", sagte der hannoversche Politologe Raimond Reiter am Montag dem epd. Er ist Initiator der begleitenden Ausstellung "Psychiatrie im Dritten Reich", die bis 29. Mai in Hannover gezeigt wird.

Vor den offiziellen Eröffnungsgottesdiensten des Kirchentages am 25. Mai ist am Nachmittag eine Gedenkstunde "Herr über Leben und Tod" geplant. Schüler des Hölty-Gymnasiums aus Wunstorf bei Hannover befragen unter anderen Sozialpsychiater Klaus Dörner aus Hamburg, Margret Hamm vom Bund der "Euthanasie"-Geschädigten aus Detmold und den Direktor des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Wunstorf, Professor Andreas Spengler.

Die damalige Landesheil- und Pflegeanstalt Wunstorf war von September 1940 bis zum August 1941 Ausgangspunkt von Transporten, mit denen 370 Patienten jüdischen Glaubens in die sechs zentralen Tötungsanstalten in Deutschland geschickt wurden, sagte Reiter: "Sie wurden fast vollzählig ermordet." Bis 1945 seien mindestens 2.000 psychisch und geistig kranke Frauen und Männer aus Niedersachsen, darunter 300 Kinder, umgebracht worden.

Die Wanderausstellung, die das Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojektes ist, zeichnet diese Geschichte mit Hilfe von Patientenakten aus Staatsarchiven und Landeskrankenhäusern nach und zeigt zahlreiche Fotos aus privaten Sammlungen. "Sie soll dazu beitragen, die Opfer der menschenverachtenden NS-Ideologie dem Vergessen zu entreißen", so Reiter.

Anhand von Übersichtskarten und Dokumenten werden unter anderen die psychiatrischen Anstalten in Niedersachsen während der NS-Zeit dargestellt. Zeitzeugenberichte und Fotos beschreiben das Personal der Einrichtungen. Am Beispiel der Opfer wird deutlich, was "nationalsozialistische Psychiatrie" wirklich bedeutete: Zwangssterilisierungen, Tötungen und bewusstes Verhungernlassen hilfloser Kinder in der "Kinderfachabteilung" Lüneburg oder angebliche "planwirtschaftliche Verlegungen", eine Tarnbezeichnung für gezielte Tötungsaktionen der Kranken.

Die Ausstellung benennt auch die Verantwortlichen der einzelnen Anstalten und schildert ihre strafrechtliche Verfolgung nach Kriegsende. Obwohl umfassendes Beweismaterial vorgelegen habe, sei die Zahl der Verurteilten und ihr Strafmaß durch deutsche Gerichte gering gewesen, sagte Reiter. Die Ärzte hätten sich auf Anordnungen berufen, die sie befolgen mussten, und ihr Handeln als Beitrag zu wissenschaftlicher Forschung verstanden.

"Eine wesentliche Grundlage des NS-Staates war die ins Extreme getriebene fixe Idee von einer Ungleichheit der Menschen", sagte Reiter. Sie sei zum Programm geworden und habe die Bereitschaft der Täter, Helfer und Mitläufer zu Folter, Mord und Totschlag entfesselt. Jedes Bewustsein von Menschlichkeit, Mitleid und Respekt vor Andersartigen sei einer quasi heidnischen Pflichtenlehre geopfert worden.

Die gemeinsame Ausstellung der Region Hannover sowie des evangelischen Sprengels und des Kirchentages wird am 9. Mai im Haus der Region, Hildesheimer Straße 20 eröffnet. Sie ist täglich außer sonntags zu sehen. (epd Niedersachsen-Bremen/b1156/04.05.05)
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