Eine Garantie für gutes Sterben kann niemand geben

Nachricht 04. Mai 2005

Experten diskutieren in Hannovers Marktkirche über Sterbehilfe

Von Ulrike Millhahn (epd)

Hannover (epd). "Über aktive Sterbehilfe diskutieren wir hier nicht", entschied die Hamburger NDR-Funkhauschefin Maria Freifrau von Welser und verwirrte damit die Zuhörer in der hannoverschen Marktkirche. Sichtbar fassungslos reagierte die Moderatorin der Runde "(K)ein gutes Ende: Beim Sterben helfen?", als der Hamburger Rechtswissenschaftler Professor Reinhard Merkel die indirekte Sterbehilfe als eine Form der aktiven Sterbehilfe bezeichnete. Eineinhalb Stunden diskutierten am Dienstagabend Ärzte, Theologen und Juristen über das schwierige Thema.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage nach dem Selbstbestimmungsrecht. Hier waren sich die Experten einig: "Eine juristische Absicherung des Lebensendes ist eine Illusion", sagte der Bayreuther Arzt und Kirchentagspräsident Professor Eckhard Nagel. Eine Patientenverfügung könne nur eine Absicherungsvollmacht sein, aber keine Garantie für ein gutes Sterben: "Man sollte sie haben, aber entscheidend ist immer das Vertrauensverhältnis zum Arzt."

Viele Menschen erlebten jedoch gerade die medizinische "Überversorgung" durch die hochtechnisierte Gerätemdizin als Problem, wandte der hannoversche Theologe und Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hermann Barth, ein. Er sprach sich zusätzlich zur Patientenverfügung für eine Vorsorgevollmacht aus. Nur eine Vertrauensperson kann Barth zufolge im Sinne des Betroffenen entscheiden, wenn dieser nicht mehr ansprechbar ist.

Wie viele Menschen haben heute aber noch jemanden, dem sie so vertrauen können, fragte der Hamburger Rechtsanwalt und Journalist, Oliver Tolmein. Wenn im Zweifelsfall die Umwelt, also Ärzte, Pfleger und Angehörige, über lebensverlängernde Maßnahmen zu entscheiden hätten, sei dringend eine Diskussion über die Maßstäbe erforderlich: "Es geht um die Frage des Lebens nicht des Sterbens", sagte Tolmein. Dazu gehöre auch, danach zu fragen, wie die Gesellschaft mit Behinderungen umgeht. Noch gebe es die Auffassung, lieber tot als behindert sein zu wollen.

Tolmein kritisierte eine Mangelverwaltung in Deutschland. Es fehle an einer flächendeckenden Palliativmedizin und an Hospizen. Die Patientenverfügung nutze wenig, wenn die Voraussetzungen dafür fehlten.
Auch Nagel gab zu, dass die Mediziner nicht für die schwere und belastende Tätigkeit ausgebildet seien, Todkranke und Sterbende zu begleiten.

Zum Eklat in der bis dahin sachlichen Runde kam es, als der Jurist Merkel sagte, die indirekte Sterbehilfe sei juristisch gesehen eine Form der aktiven vorsätzlichen Sterbehilfe. Es komme zwar selten vor, aber es passiere, dass eine Morphiumspritze gegen Schmerzen gesetzt werde und der Arzt wisse, dass diese zum Tod führe. Wenn es gute Gründe dafür gebe, dies zu tun, müsse aber auch öffentlich darüber geredet werden.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde von Welser dafür kritisiert, dass sie das Gespräch an dieser Stelle abgebrochen hatte. Da waren sich die Experten dann wieder einig: Man könne die Diskussion über aktive Sterbehilfe nicht ausgrenzen. Nagel füge hinzu: "Schwierige Einzelfälle sind nicht immer optimal geregelt. Es muss aber das Vertrauen erhalten bleiben, dass mein Arzt mich niemals töten wird, wo auch immer ich mich in Deutschland in Behandlung begebe." (epd Niedersachsen-Bremen/b1387/04.05.05)
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