"In Würde sterben"

Nachricht 25. April 2005

Pressemitteilung der VELKD, Hannover, den 25.04.2005

Die Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Dr. Margot Käßmann, plädiert in den "VELKD-Informationen" für eine Stärkung der passiven Sterbehilfe – Palliativmedizin und Hospizarbeit in Deutschland weiter ausbauen

Hannover – "Sind die Regelungen im Namen des Lebensschutzes zu restriktiv, werden die Stimmen für die aktive Sterbehilfe verstärkt. Sind sie zu locker, ist dem Missbrauch Tor und Tür geöffnet." Auf dieses Dilemma hat die Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Dr. Margot Käßmann (Hannover), in einem vorab veröffentlichten Beitrag für die "VELKD-Informationen" (Ausgabe vom 2. Mai) hingewiesen. Es gehe um ein Sterben in Würde. Die Angst vor dem fremdbestimmten Tod in Abhängigkeit von Maschinen sei ja gerade entstanden unter den Bedingungen des Fortschritts der Apparatemedizin. "Es ist und bleibt ein Balanceakt, aktive Sterbehilfe klar abzulehnen, aber doch die passive Sterbehilfe zu stärken", so Frau Dr. Käßmann. Um ihn zu bestehen, empfiehlt die Landesbischöfin, dass Betroffene, Angehörige, Arzte und Pflegekräfte miteinander sprechen, damit es nicht zu einsamen Entscheidungen kommen müsse. Patientenverfügungen komme dabei wachsende Bedeutung zu.

Euthanasie ist ihrer Meinung nach nicht einfach ein Fortschritt hin zur Autonomie des Individuums. Die "große Gefahr des Missbrauchs" sei nicht zu unterschätzen. Es entstünden "Grauzonen". Die hannoversche Landesbischöfin beklagte, dass Deutschland im Blick auf die Palliativmedizin "noch immer Entwicklungsland" sei. Zudem regte sie an, den Hospizdienst – ambulant wie stationär – weiter auszubauen.

Auszug aus VELKD-Informationen Nr. 113 vom 2. Mai 2005
Bischöfe zu Fragen der Zeit
In Würde sterben

Das Dilemma: Sind die Regelungen im Namen des Lebensschutzes zu restriktiv, werden die Stimmen für die aktive Sterbehilfe verstärkt; sind sie zu locker, ist dem Missbrauch Tor und Tür geöffnet – Balanceakt, aktive Hilfe abzulehnen, passive Sterbehilfe zu stärken

Von Margot Käßmann

Viele Themen werden beim 30. Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 25. bis 29. Mai in Hannover eine Rolle spielen. Ich bin überzeugt, insbesondere die Halle der Spiritualität und die Halle der Globalisierung werden Akzente setzen: Glaubensfragen, Fragen der Gerechtigkeit weltweit. Ein Thema aber treibt viele derzeit um: Müssten wir nicht heute mit unseren Kindern sprechen und zwar über das Thema "Sterben"?

Wer aber redet schon gerne über den Tod, konfrontiert sich damit? Die Debatte um den aktuellen spanischen Kinofilm "Das Meer in mir" – es geht um einen seit 28 Jahren völlig Körpergelähmten, der Hilfe zum Selbstmord sucht – und die Auseinandersetzung in den USA um die Wachkoma-Patientin Terri Schiavo haben die Frage bis in die Tagespresse hinein aktuell werden lassen. Vehement in Gang gekommen war die Diskussion um aktive Sterbehilfe in Deutschland allerdings bereits, seit am 10. April 2001 das niederländische Parlament und im Mai 2002 das belgische Parlament aktive Sterbehilfe legalisiert haben. Und es gibt auch Initiativen zur Legalisierung der aktiven Sterbehilfe auf europäischer Ebene und in Deutschland. So ruft der Bericht des Schweizer Liberalen Dick Marty vom 27. April 2004 in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates dazu auf, aktive Sterbehilfe europaweit unter bestimmten Bedingungen freizustellen. Ein entsprechender fraktionsübergreifender Antrag wurde für den Bundestag angekündigt. Seit der 12. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes am 17. März 2003 entschied, dass nur mit Genehmigung des Vormundschaftsgerichtes Betreuerinnen und Betreuer in eine Beendigung lebensverlängernder Maßnahmen einwilligen dürfen, gibt es auf bundespolitischer Ebene eine Initiative, zivilrechtliche Regelungen für Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung zu suchen. Eine Enquète-Kommission und eine Arbeitsgruppe des Justizministeriums befassten sich 2004 mit dem Thema. Die Kammer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Öffentliche Verantwortung hat im Auftrag des Rates der EKD einen Diskussionsbeitrag erarbeitet, der im März 2005 veröffentlicht wurde.1

Der Text der EKD stellt sich der Spannung zwischen "den beiden Geboten der Fürsorge und des Respekts vor der Selbstbestimmung von Patienten."2 Genau hierin liegt das Dilemma: Sind die Regelungen im Namen des Lebensschutzes zu restriktiv, werden die Stimmen für die aktive Sterbehilfe verstärkt. Sind sie zu locker, ist dem Missbrauch Tor und Tür geöffnet.. Es geht um ein Sterben in Würde. Die Angst vor dem fremdbestimmten Tod in Abhängigkeit von Maschinen ist ja gerade entstanden unter den Bedingungen des Fortschrittes der Apparatemedizin. Es ist und bleibt ein Balanceakt, aktive Sterbehilfe klar abzulehnen, aber doch die passive Sterbehilfe zu stärken. Um ihn zu bestehen, ist besonders wichtig, dass Betroffene, Angehörige, Ärzteschaft und Pflegekräfte miteinander sprechen, damit es nicht zu einsamen Entscheidungen kommen muss. Vor kurzem hat der niederländische Ärzteverband gesetzliche Regeln zur Sterbehilfe bei neugeborenen schwerbehinderten Babys gefordert. Nach Angaben des Ärzteverbandes werden Fälle von Sterbehilfe bei Babys oft aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung nicht gemeldet.3 Wer entscheidet über lebenswertes Leben? Wer über Sterben in Würde? Die von der Enquète-Kommission vorgeschlagene Einbeziehung eines Konzils in die jeweilige Entscheidung erscheint mir daher sinnvoll. Für eine solche Entscheidung wird die Patientenverfügung eine entscheidende Bedeutung haben. Deshalb sollten Menschen ermutigt werden, sie auszufüllen und auch eine Betreuungsverfügung zu erstellen.

Dabei ist auch wichtig, deutlich zu machen: Euthanasie ist nicht einfach ein Fortschritt hin zur Autonomie des Individuums. Mir ist durchaus bewusst, dass die Vertreter der aktiven Sterbehilfe sehr oft mit dem Faktor Menschlichkeit argumentieren und die Angst vor einem qualvollen Sterben in den Vordergrund stellen. Wenn ein Mensch ohnehin sterben muss, ist es dann besser, ihm zu einem selbstgewählten Zeitpunkt einen schmerzfreien Tod zu ermöglichen? Das ist gewiss eine legitime Frage. Aber die große Gefahr des Missbrauchs ist nicht zu unterschätzen. Es entstehen Grauzonen.

Und: Das Verständnis von Sterben als Teil des Lebens verändert sich. Kann es nicht sein, dass der unheilbare Kranke das Gefühl hat, seine Umgebung so sehr zu belasten, er nur noch eine Belastung ist? Kritische Beobachter haben in den Niederlanden etliche Fälle von Lebensbeendigung ohne ausdrücklichen Wunsch dokumentiert. Wo soll die Entwicklung ein Ende nehmen? Soll auch noch die Todespille für Sterbewillige, Alte, Selbstmordgefährdete, Lebensmüde eingeführt werden, wie es die niederländische Gesundheitsministerin Els Borst-Ellers vorgeschlagen hat. Kann da nicht plötzlich ein Druck auf die Alten entstehen, nun endlich zu gehen?

Für mich bleibt entscheidend, was in der gemeinsamen Erklärung "Gott ist ein Freund des Lebens", die 1989 von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der EKD formuliert wurde: Gottebenbildlichkeit besagt, "dass jeder Mensch vor Gott und den Menschen einen eigenen Wert und Sinn besitzt. Diese Auszeichnung des Menschen ist unverlierbar, wie immer der Mensch beschaffen ist und was immer mit ihm geschieht – und sei er in seinen Lebensäußerungen noch so eingeschränkt –, er behält seinen eigenen Wert"4. Das mindert nicht die Bedeutung der Frage nach dem mutmaßlichen Patientenwillen. Die meisten der Betroffenen sind nicht mehr (durch Hirnschäden oder Demenz) oder noch nicht (Neugeborene und Kleinkinder) einwilligungsfähig. Das heißt, für das Wohl und Wehe des Patienten oder der Patientin muss Verantwortung durch eine andere Person übernommen werden. Aus christlicher Sicht ist dabei jedoch das Kriterium der Menschenwürde von zentraler Bedeutung.

Bei Terri Schiavo ist besonders bedrückend, dass eine innerfamiliäre Auseinandersetzung die Würde des Sterbens zusätzlich zu aller ethischen Brisanz zu einer öffentlichen Zerreißprobe werden ließ. Wie kann die Tochter in Frieden sterben, wenn der Vater ständig Videos hiervon in die Öffentlichkeit bringt und den Schwiegersohn diffamiert? Ist das mutmaßlicher Patientenwille? Meines Erachtens müsste ein sterbender Mensch auch vor seiner gnadenlosen Vermarktung für politische Ziele geschützt werden. Und wenn selbsternannte Lebensschützer Richter, die eine Entscheidung für das Sterbenlassen fällen, bedrohen, haben sie diesen "Titel" nicht verdient. Es scheint mir gefährlich, wenn der christliche Glaube derart benutzt wird, dass Leben um jeden Preis als alleiniges Dogma erscheint. Wo ist dann eigentlich die Auferstehungshoffnung abgeblieben? Viel sinnvoller erscheint mir christliches Engagement für Palliativmedizin – da ist Deutschland noch immer Entwicklungsland, und die Krankenkassen tun sich noch immer schwer, das anzuerkennen. In einem bewegenden Bericht in epd5 wurde kürzlich gezeigt, dass immer noch mehr als zwei Drittel der knapp 210.000 Menschen, die in Deutschland jedes Jahr an Krebs sterben, in der letzten Lebensphase schlimme Schmerzen ertragen müssen und es bisher nur rund 1.000 Schmerzmediziner bei uns gibt. Gleichermaßen gilt es, den Hospizdienst weiterhin sowohl ambulant wie auch stationär auszubauen. Hier hat sich vieles bewegt in den letzten Jahren, damit das Sterben ins Leben zurück geholt wird und nicht abgeschoben ist in dunkle Ecken. Wie wir mit den Sterbenden umgehen, belegt unsere Einstellung zum Leben und zeugt von unserer Hoffnung auf Auferstehung.

Im Falle Terri Schiavo bleibe ich ratlos zurück. Wer will diesen Tod verantworten? Die einzige Konsequenz, die ich sehe: Auch wenn meine Kinder mich heute nicht fragen, will ich ihnen eine Antwort hinterlassen. Ich habe inzwischen eine Patientenverfügung ausgestellt. Es ist wichtig, sich mit dem eigenen Tod zu befassen. Die zweite Auflage der christlichen Patientenverfügung gibt Raum auch für individuelle Zusatzverfügungen, auch etwa für Wachkoma. So wissen meine Kinder, was der Patientenwille ist – ich hoffe, er wird respektiert. Auf jeden Fall kann ich eine Auseinandersetzung um meinen Tod, innerfamiliär oder öffentlich verhindern. Es ist richtig und wichtig, dass wir uns mit dem eigenen Tod befassen, statt ihn – wie in der Ablenkungsgesellschaft üblich – ständig zu verdrängen. Wie formuliert die Bibel unüberbietbar: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."

Wir sind als lutherische Kirchen dabei vor allem gefordert, von unserer Auferstehungshoffnung zu reden in einer verständlichen, konkreten Sprache. Wie schrieb Dorothee Sölle in ihrem letzten, unvollendeten Buch: "Das Einswerden mit Gott tilgt die Angst vor dem Tod. Der Mensch, der sich auf Gott bezieht, ist sich selbst entzogen, auch sich selbst als einem Sterbenden kann er entkommen... Ein an Leukämie sterbendes Kind sagte zu seinen Eltern: 'Ihr könnt noch nicht mit, ich geh schon vor.' Es war sich selbst gnädig entzogen. Das ist der Weg, vom terror mortis freizukommen."6 Oder wie Luther gesagt hätte: Das ist der Weg zur ars moriendi, zur Kunst des Sterbens. Die gilt es auch in dieser Debatte neu zu entdecken.

Die Autorin, Dr. Margot Käßmann, ist Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

1) Sterben hat seine Zeit. Überlegungen zum Umgang mit Patientenverfügungen aus evangelischer Sich. Hg. v. Kirchenamt der EKD, Hannover 2005.
2) Ebd. S. 8.
3) Vgl. epd ZA Nr. 166 vom 27.08.04
4) Gott ist ein Freund des Lebens, Gemeinsame Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz, Gütersloh 1989, S. 40.
5) Ulrike Millhahn, "Wir sind nicht alleine" – Palliativdienste stehen Todkranken rund um die Uhr zur Seite und lindern ihre Schmerzen, in: epd ZA Nr. 78 vom 22. April 2004.
6) Dorothee Sölle, Mystik des Todes, Stuttgart 2003, S. 21.

--------------------------------------------------------------------------------

Lutherisches Kirchenamt - Pressestelle
Richard-Wagner-Str. 26
30177 Hannover
Tel.: 0511/62 61 - 236
Fax: 0511/62 61 - 511
eMail: hahn@velkd.de
WWW: http://www.velkd.de