Kirchenreformer blicken neuem Papst mit großer Skepsis entgegen

Nachricht 20. April 2005

Von Ulrike Millhahn (epd)

Hannover (epd). "Das ist doch eine maßlose Untertreibung", ereifert sich Christian Weisner von der bundesweiten kahtolischen Reformbewegung "Wir sind Kirche". Der neue Papst Benedikt XVI. hatte sich unmittelbar nach seiner Wahl als "bescheidener Arbeiter im Weinberg des Herrn" bezeichnet. Tatsächlich habe Joseph Ratzinger als "Chefideologe" im Vatikan 21 Jahre lang den Kurs der katholischen Weltkirche gelenkt, betont der Hannoveraner Weisner. Mit anderen Kirchenreformern ist er sich einig, dass es dabei kaum innerkichliche Fortschritte gegeben hat.

Weisner zufolge sind viele Menschen in der ganzen Welt über Ratzingers Wahl enttäuscht. Er sei stark in einem euro-zentristischen Denken verwurzelt. Wie er das Zusammenwachsen von Nord und Süd fördern wolle, sei völlig ungewiss. Das sieht der katholische Theologe Hans Küng aus Tübingen zwar ähnlich. Er warnt aber dennoch vor einem vorschnellen Urteil: Dem neuen Papst sollte man eine Chance geben und wie dem Präsidenten der USA 100 Lerntage zubilligen.

Für den kirchenkritischen Saarbrücker Theologen Gotthold Hasenhüttl steht dagegen fest, dass die Wahl Ratzingers eine "Katastrophe" ist. Er werde den Reformstau in der katholischen Kirche vergrößern: "Ratzinger wird regieren, wie es Alleinherrscher oder Diktatoren tun", so Hasenhüttl.

Diese Auffassung teilt auch der Paderborner Theologe Eugen Drewermann: "Ich hätte der Kirche von Rom eine Persönlichkeit gewünscht, die für Reformen und Freiheit steht, einen Papst, der sich nicht länger als unfehlbar und als Stellvertreter Gottes versteht." All dies sei Joseph Ratzinger nicht, sagt Drewermann.

Die kirchenkritischen Theologen Drewermann, Hasenhüttl und Küng haben einschlägige Erfahrungen mit der katholischen Kirche gemacht. Dem 77-jährigen Ökumene-Experten Küng, einem langjährigem Weggefährten Ratzingers, wurde 1979 von Rom die Lehrerlaubnis entzogen. Den Theologen und Psychotherapeuten Drewermann traf es zwölf Jahre später.

Hasenhüttl wurde im vergangenen Dezember nach 45 Jahren als Priester endgültig seiner seelsorgerlichen Ämter enthoben - unter maßgeblicher Beteiligung Ratzingers, wie er sagt. Sein Vergehen: Er hatte beim ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin das Abendmahl an evangelische Christen ausgeteilt und dies im Nachhinein nicht bereut.

Dennoch blickt Küng mit skeptischer Zuversicht in die Zukunft. Der von Ratzinger gewählte Papst-Name Benedikt XVI. lasse zumindest die Möglichkeit offen, dass ein gemäßigter Kurs eingeschlagen werde. Sein Vorgänger Benedikt XV., der von 1914 bis 1922 amtierte, hatte im Ersten Weltkrieg zwischen den Fronten vermittelt. Auch Drewermann meint, es bleibe zu hoffen, dass der neue Papst die Kluft zwischen der Ersten und der Dritten Welt zu schließen hilft. Aber: "Zu erwarten ist es eher nicht." (epd Niedersachsen-Bremen/b1207/20.04.05)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen