Landesbischöfin Käßmann zur Wahl des Papstes Benedikt XVI.

Nachricht 20. April 2005

Unsere evangelische Kirche gratuliert Kardinal Ratzinger zu seiner Wahl zum Papst und wünscht ihm von Herzen Gottes Segen. Dieses Amt ist eine enorme Herausforderung, das weiß wahrscheinlich niemand besser als er. Es wird nicht leicht sein, die Nachfolge des so beliebten Johannes Paul II. anzutreten.

Aus Deutschland, dem Land der Reformation kommend, ist ihm die Hoffnung vieler evangelischer und katholischer Christinnen und Christen auf Öffnung und mehr ökumenische Gemeinschaft bewusst. Der Ökumenische Kirchentag in Berlin 2003 war ein lebendiges Zeugnis dafür. Ökumene ist eine gelebte Realität in Deutschland. Das weiß der neue Papst, er kennt die Kirchen der Reformation und hat ihnen nie die ekklesiale Qualität abgesprochen, sie als „Kirchen anderen Typs“ bezeichnet.

Dass sein Namensvorgänger Benedikt XV. als „Friedenspapst“ in die Geschichte einging, lässt hoffen, dass er das Friedensengagement von Johannes Paul II. fortführen wird. Es gibt Verschiedenheit in den Ländern des Nordens und Südens, des Ostens und Westens, von Frauen und Männern. Dieser Papst wird die Weichen für die Zukunft der römisch-katholischen Kirche zu stellen haben.

Was die Frauen betrifft, bin ich mit vielen anderen skeptisch. Gerade mit Blick auf die Schwangerschaftskonfliktberatung, Geburtenregelung, Frauen im Amt, hat sich Kardinal Ratzinger nicht offen gezeigt für Veränderungen. Das ist schwer für Frauen in den Ländern des Südens, für Frauen in Ämtern der evangelischen Kirche, die sich in der Nachfolge Jesu wissen, und auch für katholische Theologinnen, die in ihrer Kirche keine Perspektive sehen. Viele Frauen aber drängen auf Veränderung, denn der Vatikan hat ja auch als Staat erheblichen Einfluss, wie beispielsweise die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 gezeigt hat. Und auch in der Individualethik, etwa mit Blick auf die Verhütung von AIDS durch Kondome, sehe ich eine Hoffnung auf Veränderung nicht gegeben.

Für uns lutherische Christinnen und Christen ist Benedikt XVI. das Oberhaupt einer Schwesterkirche. Die Hoffnungen sind von unserer Seite klar benannt. Wir halten Vielfalt für ein Geschenk Gottes. Und ich sehe in der katholischen Kirche genauso Vielfalt wie in der evangelischen. Auf jeden Fall verbindet uns mehr als uns trennt.

Im 1.Buch Samuel wird erzählt, dass der Prophet Samuel einen neuen König salben soll. Und dort können wir nachlesen: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“ So wollen wir darauf vertrauen, dass Gott das Herz ansieht und Benedikt XVI. uns Evangelische noch positiv überraschen wird. In einem großen Gottesdienst gestern Abend im Kloster Loccum mit vielen Christinnen und Christen evangelischer und katholischer Konfession haben wir ihn in die Fürbitte aufgenommen.

Hannover, 20. April 2005