Kirchliche Finanzkrise bietet Chance, sich auf Kernaufgaben zu besinnen

Nachricht 18. April 2005

Landesbischöfin bei DaimlerChrysler: Die Kirche muß mehr auf Wirtschaftlichkeit achten

Berlin (idea) – Für die Volkskirchen liegt in der großen Finanzkrise die Chance, sich auf ihre Kernaufgaben zu besinnen. Diese Ansicht vertrat die Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Margot Käßmann, in einem Vortrag in der Hauptstadtrepräsentanz von DaimlerChrysler am 14. April in Berlin. Die Kirche müsse wieder klar sagen, wofür sie stehe, sonst werde sie unkenntlich. Sie werde nicht modern, indem sie vermeintlich zeitgemäße Methoden anwende, sondern indem sie in einem verunsicherten Land, wie es Deutschland sei, ihre Inhalte besser vermittele und beispielsweise Mut mache, die Bibel zu lesen und ernstzunehmen. Der starke Rückgang der Kirchensteuereinnahmen durch Mitgliederschwund und vor allem die schlechte wirtschaftliche Entwicklung biete auch die Möglichkeit, mehr auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit zu achten. Bis 2010 würden in der hannoverschen Landeskirche – der mit 3,1 Millionen Mitgliedern größten in Deutschland – zehn Prozent des Haushalts eingespart. Bis 2020 seien es 20 Prozent. Auch wenn die Kirche kein Unternehmen sei, so müsse in mehr Bereichen gefragt werden, ob man nicht wirtschaftlicher arbeiten könne. Mit allen Mitarbeitern ihrer Kirche würden seit Jahresanfang beispielsweise Personalentwicklungsgespräche geführt. Die Kirche brauche, um ihre Zukunft zu bewältigen, auch mehr unternehmerische Persönlichkeiten. Sei in den 70er und 80er Jahren die Wirtschaft von vielen in der Kirche kritisch beäugt worden, so wüßten inzwischen beide, daß sie aufeinander angewiesen seien. Die Wirtschaft spiele heute auch in der Ausbildung der Geistlichen eine Rolle.

Kritisch zur gesellschaftlichen Entwicklung sagte die Landesbischöfin, daß immer mehr Lebensbereiche bis hin zur Pflege alter Menschen nur noch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt würden. Der finanzielle Erfolg dürfe aber nicht zum letzten Wert werden, an dem alles zu messen sei. Das Gemeinwohl müsse stets der oberste Maßstab sein. Ethik dürfe für die Wirtschaft nicht nur für „Reparaturen“ zuständig sein, sondern müsse die Basis von allem sein. Auch wenn Reichtum in der Bibel nicht prinzipiell verurteilt werde, sondern nur, wenn er zum Götzen werde, so sei es doch wichtig, daß Manager nicht – wie der Chef der Deutschen Bank – als raffgierig erschienen. Ein Unternehmer sollte sich auch als öffentliche Respektsperson verstehen, und dazu gehörten Demut und ein Anstand, der zu hohe Gehälter verbiete. Gleichzeitig sollte auch den Angestellten klar sein, daß jemand, der sich weigere, seine Gaben einzusetzen, nicht mit der Solidarität der Gemeinschaft rechnen dürfe. Faulheit werde nirgendwo in der Bibel gelobt.

Zur katholischen Kirche sagte Frau Käßmann, man dürfe nicht vergessen, daß sie nur nach außen einheitlich wirke. Im Inneren sei sie genauso vielfältig wie der Protestantismus. Der Papst sei zwar gegen Verhütungsmittel, aber Katholiken nähmen sie genauso häufig wie Protestanten. Der Papst sei für Protestanten nicht ein Sprecher der Christenheit, sondern der katholische Bischof von Rom. Bei den Massenauftritten im Zusammenhang mit seiner Beerdigung frage sie sich, wieviel das Ganze tatsächlich mit dem Eigentlichen, dem Evangelium, zu tun gehabt habe.

Eingeladen zu der Veranstaltung hatte der Leiter des Bereichs Politik und Außenbeziehungen der DaimlerChrysler AG, Michael J. Inacker (Berlin). Nach seinen Worten bedarf die Marktwirtschaft einer ethischen Rückbindung. Er freue sich, daß im Gegensatz zu früher, wo die Soziale Marktwirtschaft oft gleichgesetzt worden sei mit einem enthemmten Kapitalismus, Kirche und Wirtschaft inzwischen aufeinander zugegangen seien. Wirtschaftskritiker sollten daran denken, daß nur ein profitables Unternehmen auch ein soziales Unternehmen sein könne, das in der Lage sei, sich gegen Armut zu engagieren. Die evangelischen Kirchen sollten sich stärker bewußt werden, daß Protestanten die Soziale Marktwirtschaft entwickelt hätten.
(046/2005/2)
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