"Dem Rad in die Speichen fallen"

Nachricht 09. April 2005

Vor 60 Jahren wurde der Pastor und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer hingerichtet

Von Michael Grau (epd)

Hannover (epd). Am frühen Morgen des 9. April 1945 ist der Gefängnishof des Konzentrationslagers Flossenbürg bei Regensburg schon hell erleuchtet. Sieben Nazi-Gegner werden aus ihren Zellen geführt.
Unter ihnen ist auch ein Pastor: Dietrich Bonhoeffer. Die Gefangenen hören, was ein NS-Standgericht in der Nacht beschlossen hat: Todesurteil wegen Hochverrats. Bonhoeffer kann noch kurz beten. Dann muss er seine Kleider ablegen und die Treppe zum Galgen besteigen. "Ich habe kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen", notiert der Lagerarzt später.

Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hinein gewirkt wie er. Straßen und Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser tragen heute seinen Namen. Ein Kino-Film erzählt seine Geschichte. Sein leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein Märtyrertod vor 60 Jahren finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung. US-Präsident George W. Bush nannte ihn "einen der größten Deutschen".

Bonhoeffer wurde 1906 als Sohn eines Psychiatrie-Professors in Breslau geboren und wuchs mit sieben Geschwistern im Berliner Villen-Stadtteil Grunewald auf. Ungewöhnlich schnell kommt er an der Berliner Universität voran. Mit 21 Jahren ist er promoviert, mit 24 habilitiert, mit 25 Privatdozent.

Sein Schüler Wolf-Dieter Zimmermann, heute 93 Jahre alt, schildert ihn als intellektuellen Charakter: "Er hatte eine klare und präzise Art, sich auszudrücken." Seine großbürgerliche Herkunft prägte ihn tief: "Er hat sich nur mit wenigen geduzt." Bonhoeffer wirkte kräftig und energiegeladen: "Jeden von uns hat er im Tischtennis geschlagen." Bei starker Anspannung rauchte er viele Zigaretten.

Während eines Studienjahres in New York erlebt er hautnah die Rassentrennung, als ein schwarzer Freund und er in getrennten Straßenbahnwagen fahren müssen. 1932 macht er eine Entdeckung mit Folgen: Er beschäftigt sich mit der biblischen Bergpredigt, die ihn stark anspricht. "Er wagt den Sprung vom intellektuellen Glauben zur praktischen Anwendung", sagt Zimmermann. Bonhoeffer will nun ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi führen und macht sich pazifistische Ideen zu eigen.

Schon früh warnt er vor den Gefahren des Nazi-Regimes. In einer Berliner Rundfunk-Rede spricht er bereits zwei Tage nach der Machtübernahme 1933 davon, dass der "Führer" zum "Verführer" werden könne. Im April 1933 erwägt er unter dem Eindruck der Judenverfolgung die Möglichkeit, "nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen". Doch nur wenige Kirchenleute folgen dem jungen und kompromisslosen Nazi-Gegner in dieser Einschätzung.

Nach anderthalb Jahren als Auslandspfarrer in London tritt Bonhoeffer 1935 in den Dienst der "Bekennenden Kirche", die sich als Opposition gegen das Vordringen der Nazis in der Kirche gebildet hatte.
Er wird Leiter eines Predigerseminars für angehende Pastoren in Pommern.

Seit 1938 weiß er durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi, den Vater des späteren Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi, von Hitlers Kriegsplänen und zugleich von Plänen für einen Staatsstreich, die am 20.
Juli 1944 schließlich in die Tat umgesetzt wurden. 1939 wollen ihm Freunde eine Lehrtätigkeit in den USA vermitteln, damit er dem Krieg entgehen kann. Doch schon nach wenigen Wochen bricht Bonhoeffer das Vorhaben ab und kehrt nach Deutschland zurück: "Ich muss diese schwierige Periode unserer Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben."

1940 schließt er sich einer Widerstandsgruppe um Generalmajor Hans Oster im deutschen militärischen Geheimdienst an. Der Theologe führt nun ein riskantes Doppelleben. Offiziell ist er Reiseagent der "Abwehr".
Tatsächlich aber weiht er im Ausland kirchliche Mittelsmänner in die Putschpläne gegen Hitler ein.

Mitten in den Kriegswirren verlobt sich Bonhoeffer 1943 mit der 18-jährigen Maria von Wedemeyer, ein Kontrapunkt zum Leben im Widerstand. Doch das Paar hat nur wenig Zeit füreinander. Am 5. April 1943 wird Bonhoeffer verhaftet. Seine Braut kann ihn nur in großen Abständen im Gefängnis besuchen.

In seiner Zelle in Berlin-Tegel erfährt er vom misslungenen Staatsstreich seiner Mitverschwörer am 20. Juli 1944. Hier schreibt er jene Briefe an seine Familie und an einen Freund, die später unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" berühmt wurden. Hier entwickelt er auch seine Gedanken über ein Christentum in einer religionslosen Zeit, die nach dem Krieg in der DDR und in Osteuropa starken Widerhall fanden.

Heute ist Bonhoeffer über alle kirchlichen Lager hinweg eine Integrationsfigur. Sein Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen"
von Silvester 1944 ist kirchliches Allgemeingut geworden. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, hat oft darüber nachgedacht, was wohl aus Bonhoeffer geworden wäre, wenn er den Krieg überlebt hätte - vielleicht Bischof, Professor oder Politiker. Sicher sei eines, sagt Huber: "Er hätte weitergedacht." (epd Niedersachsen-Bremen/b0889/22.03.05)

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Informationen zu Dietrich Bonhoeffer (EKD):
www.dietrichbonhoeffer.de